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THOMAS RASCHKE
Mathes TX
Es war irgendwo in Texas, middle of nowhere, zwischen San Antonio
und Corpus Christi. Der Automechaniker kam wieder hoch, er war lange,
halb unter der Kühlerhaube verschwunden gewesen. Ein Mexikaner, sorry,
ein Amerikaner mexikanischer Abstammung. So ein Typ Autoschrauber, der
notfalls mit Leukoplast und Kaugummi an alten Kisten Wunder bewirkt. Wir
standen im Kies auf einem Gelände, wo Schrottplatz und Autowerkstatt
kontinuierlich in einander übergehen. Sein oder nicht sein. Werden
und vergehen. Er schüttelte langsam den Kopf als wäre er noch
in Gedanken. Mit pietätsvoller Stimme sagte er: „ the car
gave up ist goast“ und schob, mit einer, da ist absolut nichts
mehr zu machen, Mine, das Wort „ Headgasket“ hinterher.
So war nun wohl im Englischen wie im Deutschen, der Geist aus unserem
Auto entwichen. Schon verrückt, dass in beiden Sprachen und Kulturen
der Maschine Geist zugesprochen wird. Das musste aber ein ganz schlitzäugiger
Geist gewesen sein. Ein eingehauchter Zen. Denn der Subaru war beim Export
bestimmt bereits beseelt. So war nun japanischer Geist in dem texanischen
Städtchen Mathes ausgetreten, um sich laut Konfuzius, dort im nächsten
Neuwagen oder einem aus Schrottteilen wiederentstandenem Motor zu reinkarnieren.
Vielleicht hatte es ja auch sein Gutes. Think positiv. Think Pink. Im
großen Ganzen kann man sich ja auf den Geist der Maschine verlassen.
Sir Phileas Fogg verließ sich in Jules Vernes in Achtzig Tagen um
die Welt auf seinen Taschen Chronometer. Ein äußerst präzises
und fein gearbeitetes Stück Nicht umsonst hatten die Briten in diesem
Jahrhundert die zuverlässigsten Marine-Chronometer entwickelt, mit
denen zum erstenmal genauste Koordinaten-Bestimmungen auf See möglich
wurden. Phileas Fogg, ein sehr korrekter britischer Zeitgenosse lebte
in vollstem Einklang mit diesem kleinen mechanischen Wunderwerk, so rhythmisch
verwoben ganz synchronisiert, dass die allgemein bekannte Tatsache, Zeit
zu gewinnen wenn man immer nach Osten reist nicht kompatibel war mit der
Korrektheit seines Lebens und der Genauigkeit seiner Uhr. Eine Frau musste
ihn auf seinen Fehler hinweisen , dazu noch eine Nicht-Britin. Die hat´s
noch mal rausgerissen und dem Gentleman zum Sieg verholfen.
Völlig verwirrend, wenn es möglich ist, mit der genauesten Uhr
der Welt, der Atomuhr, die, die elementarste Genauigkeit der Materie,
das schwingen von Gasmolekülen als Taktgeber benutzt, die Relativität
der Zeit zu beweisen.
Diesen Gedankengang wollte ich aber nicht unbedingt unserem Autoschrauber
mit seinem schlechten Englisch in meinem schlechten Englisch erklären.
Zwei gleiche Komponenten müssen nicht zwangsläufig zusammenpassen.
Wir stiegen in den Leihwagen, ein niegel, nagel, neuer, rote Minivan.
Sofortiges Vertrauen in den Motor. In meiner Vorstellung war das Motorenöl
noch gelb, unberührt, extra-vergin. Alle Aggregate noch ohne Rost.
Kein verschmortes Plastik, null Gummiabrieb. Die kleinen, gelben Kontrollzettel
ohne Schmutz, ohne Hitzeblasen. Der Röntgenblick meiner technischen
Vorstellungskraft wanderte durch das Triebwerk. Ventile und Nockenwelle
in perfektem Einklang. Kolben in harmonischem Auf und Ab. Zündzeitpunkt
im aller letzten Augenblick, bevor das Gemisch vor Kompression von alleine
zerrissen wird. Egnition. An der Zündkerze, scharfe, blaue Funken
in weißem Licht. In diesem Motor gab es keine Dunkelheit, keinen
Makel den es zu verstecken galt. Keine vorgetäuschte Verlässlichkeit.
Sein Geist war jung und voller Spannkraft.
Doch bei aller Technikgläubigkeit...ein Haarriss im Ventilstutzen,
eine überspannte Schraube, die reißt. Ein Relais, das die Glühkerzen
nicht mehr am glühen hindert und schon dringt ein kleines stück
Materie mehr beiläufig in die heiligen Hallen des erleuchteten Hubraumes.
Watsch, Aus und Vorbei! Supergau. Neuwagentotalschaden.
In den Achtzigern wurden zwei Störfälle in englischen Kernkraftwerken
bekannt. Im ersten Fall inspizierten Techniker einen Kabelkanal, mangels
einer Taschenlampe im Schein einer Kerze. Der Kabelschacht brannte total
aus. Im Zweiten ließ sich ein Notventil nicht öffnen, Arbeiter
hatten bei der Inspektion eine Cola-Dose darauf stehen lassen. Die dortige
freiwillige Feuerwehr wendete die Katastrophe ab, indem sie durch ein
in den Betonmantel gebohrtes Loch einen Schlauch einführten und via
Wasser marsch den Reaktor abkühlten.
Nach meinem ersten Motorschaden sprach ich häufiger mit meinem Auto.
Ganz gezielt sprach ich den Motor an, als wäre dort der Sitz von
Seele oder Geist und der Rest wäre wie Arme und Beine. Ich fragte
Ihn warum er mich im Stich gelassen hätte und wie das wohl mit uns
so weiter gehen soll wenn das Vertrauen mal dahin ist. Ich war skeptisch
ob er mich überhaupt verstand. Ich versuchte es auf Französisch,
denn ich fuhr ja schließlich ein französisches Auto. Nichts.
Beim nächsten Besuch in der Werkstatt klärte mich mein KFZ-Meister
auf, dass ich zwar ein französisches Fabrikat fahre, aber dass es
sich um eine europäische Co-Produktion handle. Fazit: der Motor sei
italienisch. Mein Motor bemerkte sofort wie schlecht mein Italienisch
ist. und brummte nur umso verstimmter. Mit meinem Teddy konnte ich, ich
meine in meiner Kindheit, konnte ich mit meinem Teddy viel besser reden,
wie heute mit meinem Motor. Er schaute mir tief in die Augen und konnte
ewig zuhören, ohne dabei die Mine zu verziehen. Er war viel kuscheliger
als mein Auto. Nur, das sei einmal angemerkt, kommt man mit Teddybär
wesentlich langsamer zur Arbeit als mit dem Auto. Der Vergleich hinkt.
Ich versuchte den Geist meines Autos zu besänftigen. Die alten Mayas
stimmten ihre Geister mittels Menschenopfer, gnädig. Ich dagegen
versuchte es mit Synthetik-Leichtlauföl, Kühlmittel nur vom
Feinsten. Nicht jede Maschine ist bestechlich. Wer da mit Wahrscheinlichkeit
argumentiert mag sogar Recht haben. So steigt zum Beispiel, rein statistisch
die Wahrscheinlichkeit , die Finger an eine Hydraulikpresse zu verlieren
mit jedem weiteren Arbeitstag. Es gibt Arbeitsunfälle, die ganz offensichtlich
ganz ohne besondere Umstände eintreten. Die Arbeiter sind gut geschult
und seit Jahren mit der Maschine vertraut. Sie sind weder übermüdet,
noch betrunken und trotzdem, die Hand zieht sich zurück, die Finger
verbleiben in der Maschine. Arbeitspsychologen haben sich folgende Hypothese
zurecht gelegt. Unterbewusst ist die Unfallangst und das Wissen über
das Risiko, dauernd präsent. Als könnte man den Gott der Maschine
mit einem partiellen Menschenopfer umstimmen, oder rein statistisch gesehen,
als könnte der Zyklus der Wahrscheinlichkeit erneuert werden, ist
nach dem Opfer respektive nach der Erfüllung der Wahrscheinlichkeit
für Länger Ruh. No Stress. So entkommt man psychisch und religiös
dem Unausweichlichen.
Wir hielten an zum tanken. Sprit ist in USA spotbillig. Ich dachte mir
die angeschriebenen Gallonen immer schon als große zinkene Metallkannen
mit Ausguss und massivem Henkel, so ungefähr vier Liter fassend.
Wir fuhren ans Ende der Schlange, cueing. Es schien nicht voran zu gehen.
Amerikaner, immer gesprächsbereit vor allem in irgend einer der häufigen
Wartesituationen, teilten uns mit der Server, also die Firma, die das
Telefonnetz für Kreditkarten-Lesegeräte betreibt, hätte
Schwierigkeiten, und ob wir Bargeld hätten, sie hätten nämlich
keines. Sie machten den Eindruck von Schiffsbrüchigen ohne Proviant.
Noch vor ein paar Jahren, als wir den virtuellen Geldgeschäften misstrauten,
als wir noch die Befürchtung hegten eine Transaktion, ein Fehler
im System könne uns ruinieren, Credit in Debit verwandeln, da trugen
wir noch Bargeld mit uns herum. und das auf die Gefahr hin, dieses an
der nächsten Straßenecke, überzeugt von einem blankgezogenem
Revolverlauf, mehr unfreiwillig wieder in Umlauf zu bringen. Heute sind
wir modern, dem Wandel der Zeit gefolgt, gewöhnt an ein „
Handy“, Magnetstreifen, Scannercodes.
Ein Mäuschen knabbert an der Leitung, schon steht alles still und
wir in der Schlange. Jemand vergoss seinen Pappbecher-Frühstückskaffe
über einem Computer und der dritte Weltkrieg brach aus.
Woher nehmen wir den Glauben der Gott der Technik sei ein lieber, ein
verlässlicher Gott. Der selbe kollektive Technik-Geist hat im Nationalsozialismus
sowie im Ostkommunismus die Massen bewegt. Exakt wie Zahnrädchen
griffen Funktionen ineinander, verschoben sich Kontingente von Soldaten
oder Nicht-Ariern in das eine oder andere Siedebecken der Geschichte um
den individuellen Geist dem kollektivem zu opfern. Beim Versagen der Technik
trifft nie Jemand die Schuld. Versagen der Technik ist eine Art Naturkatastrophe
hinzunehmen aufgrund Verschleißes oder Materialermüdung. Es
kommt über uns wie die Rache eines schon zu weit herausgeforderten
Gottes.
So standen wir an der Gasstation, der ganze Fluss der Modernität
gehindert, gestoppt, keine Gallone hoch-oktanigen Geistes ergießt
sich in den Motor um Zylinder zu erleuchten und die Zivilisation damit
zu ehren. Am Morgen Zylinderkopfdichtung, am Nachmittag Serverstillstand.
Aus Deutschland kamen Nachrichten von Prozessen gegen Radreifen und Concorde-Triebwerke.
Keiner war schuld.
Am elften September flog das Wunderwerk der Technik in das Wunderwerk
der Architektur. Gozilla verschlingt Kingkong. Der Traum vom Fliegen kollidiert
mit den babylonischen Türmen, der Idee Gott gleich sein zu wollen.
Alles atomisiert, verflüchtigt, aufgegangen zu Staub. Sensibelste
Ziviltechnik trifft auf für die Ewigkeit gebaute, hochästhetische
Statik und frisst sich gegenseitig auf. Das hat meinen Glauben, meinen
bis dahin opferbereiten Zivilisationsglauben zutiefst erschüttert.
Gott der Maschinen, Maschinengott wo bist du?
A pretented Time Out
Lieber Sebastian
Schaue ich nach Oben sehe ich das Pünktchenmuster der gläsernen
Gepäckablage. Wirklich sau langweilig. Nachdem ich jetzt seit annähernd
fast sechs Stunden genau, im Zug sitze, langeweilt mich eigentlich nahezu
Alles. Ich kenne genau Muster sowie Rapport der Sitzbezüge. Ich habe
mich schon versucht zu erinnern ob das in allen ICEs die gleichen sind.
Ich habe inständig versucht mich zu erinnern um überhaupt etwas
zu tun. Die Gesichter der Mitreisenden sind ebenso abgecheckt. Auch da
keine große Veränderung. Die Farbgebung des Interieur, absichtlich
dezent. Ein gebrochenes Grün, hier trifft gebrochen zu, das höchstens
zum Schlafen anregt, wobei das Anregen , so ein Quatsch , dem Einschlafen
entgegen steht. Was mir gerade fehlt ist so eine stupide meditative Selbstbeschäftigung.
Ich könnte anfangen alles was mich umgibt mit meinem Kugelschreiber
einzubläuen. Ganz fett, Quadratzentimeter um Quadratzentimeter ausschraffiert.
Das schöne daran ist die fehlende Aussicht auf Beendigung da es nicht
an Malgrund mangelt. Zu ende gedacht schon wieder ein tolles künstlerisches
Konzept, das wäre nur noch mit der deutschen Bahn AG abzusprechen,
obwohl eigentlich viel zu langweilig... Sammeln wäre jetzt gut. Erst
irgend ein sinnloses Objekt bestimmen um es dann einem ebenso sinnlosen
Sammelsystem zu unterwerfen. Zum Beispiel, alle verloren gegangene weißen
Plastik Umrührpaddel auf der rechten Zugseite, zweite Klasse unter
den Sitzen zusammensammeln.
Für meinen Schulweg, früher, habe ich mir oft crude Bedingungen
ausgedacht, wie, „beim Laufen jeden vierten Randstein auf und wieder
abzusteigen. Oder zehn Schritte gehen ohne Luft zu holen, anhalten, Augen
schließen, einatmen, weitergehen. Über Jahre habe ich alle
Kunstoff-Flaschendeckel die auf dem Container in der Heusteigstraße
lagen, mitgenommen. Nicht die von anderen Containern und vor allem nicht
die bei mir zuhause durch Eigengebrauch anfallenden. Das Sammelsystem
musste enge Regeln haben und ganz wichtig der Ort muss genau bestimmt
sein. Wir wollens uns doch nicht leicht machen. Gutes kommt in Schwaben
nie von alleine und ohne Fleiß. Außerdem läd die harte
Regel die Dinge irgendwie ganz besonders auf.
Im Song über die Schmuddelkinder, Degenhart, du weißt schon,
heißt es, dass die Spinne sonntags Langeweilefäden spinnt.
Stell dir vor, nur so zur Beschäftigung, weil die Fliegen gerade
ausgeflogen sind, oder Flugverbot haben. Ob beim Ai die tägliche
Langeweile im Buschalltag mittels Evolution zu diesem Zeitlupengang geführt
hat?
Lieber Basti die Ai-Frage ist so schnell nicht zu lößen. Aber
mir ist schon klar warum du von einer gespielten Auszeit gesprochen hast.
Wir sind ja zu etwas Anderem gar nicht fähig. Wir müssen sie
vortäuschen, denn anstatt mich der Zugfahrt-Langeweile bedingungslos
hinzugeben schreibe ich dir diese Zeilen. Das bedeutet doch, wenn die
Öde mich zum Machen anregt, wie die Wüste den Betenden zur Erkenntnis,
dann kann Auszeit in diesem Sinn gar nicht entstehen und muss ergo künstlerisch
vorgespielt werden. Hier in diesem Großraumwagen Nummer vierundzwanzig,
Nichtraucher ist ja so gar nichts interessant. Der Blick schweift durch
die Design-Wüste. Die Formalismen leiten sich ab vom bauhäuslerischen
Diktat der Funktionalität und den Beständigkeits-Vorstellungen
der Auftraggeber. Ein bisschen grüner Sesselbezug und weiße
Punkte im Verlauf, das sorgt für Heiterkeit. Alles bekannt. Doch,
hoppla, Links von mir, zwei Fingerbreit unter dem Fenster eine ungeordnete
Linie. Ein Kratzer. Halber Millimeter breit, nicht ganz so tief, sich
zum Ende hin verjüngend. Das ist die einzige Störung im ganzen
Komplex Großraumwagen. Wie kommt sie nur dahin, diese unorganisierte
Linie? Die scharfe Metallecke eines schweren Gepäckstücks könnte
sich hier eingegraben haben, falls es noch so altertümliche Koffer
gäbe. Eine Messerstecherei und die Blutspuren wurden schon längst
beseitigt. Vielleicht ist der verräterische Kratzer ein Haarriss,
womöglich das Zeichen allgemeiner Materialermüdung und demnächst
fällt bei 250km/h ein Radreifen von der Wagenachse. Wenn dich dieser
Brief erreicht, musst du aber davon nicht ausgehen.
Die Brüder vom Weissenhof
Loop, ach Loop, sagte er und machte eine Handbewegung, als wolle er etwas
vom Tisch schieben. Ein Politikerlächeln spielte um seine Lippen.
Menschen die von Kunden abhängen, Verkäufer zum Beispiel, oder
jene, die zweifellos etwas zu verlieren haben, kennen nicht einmal den
Gesichtsmuskel, der dieses souveräne, etwas arrogante Lächeln
erzeugt. Ich hätte es wissen müssen. Es macht keinen Sinn einem
Museums-Kurator eine Idee, fast eine Vision, zu unterbreiten, die vorher
nicht schon seine eigene war. Ich wollte ihm erwidern, bevor er seine
ätzende Besserwisserei über mir ergoss. „ Erinnern sie
sich nicht an die kleinen Rennautos aus Metall? Man brachte Sie auf Tempo,
indem man sie ein steil, schräg abfallendes Streckenstück hinabsausen
ließ. Geil, und schickte Sie unten durch ein orangenes Plastik-looping.
Dabei schien sich schon bei der Einfahrt in den senkrecht stehenden Fahrbahnring
die Geschwindigkeit der kleinen Flitzer schlagartig zu vervielfachen.
„Hören sie schon auf“, polterte er. Sein Hals wurde
rot und dick, scharf konturiert, wie in einem Comicstrip. Kindheitserinnerungen,
das ist doch ganz out! „Künstler ihrer Generation haben einen
Jetzt-Bezug, vernetzen initiierte Systeme, stören Sehstrukturen,
haben Konzepte“. „Wie komme ich aus diesem Text?“,
schoss es mir durch den Kopf. Eine rollende Kugel in einem engen Tunnel,
vor der man flieht. Ich muss die Bremse reinhauen. Amerika kommt immer
gut, klingt international, der Traum aller Kuratoren. „Waren sie
schon einmal in Chicago?“ Wie ein geübter Chirurg cuttete
ich seinen Reimfluss. „Kennen sie den Loop in Chicago, eine Art
Achterbahn, horizontal statt vertikal, im dritten Stock, quer durch die
Bürotürme der Innenstadt. Als hätten große Jungs,
nachdem Ihnen die Legos ausgingen, ihren big Kindheitstraum verwirklicht?“
Oh Scheiße, da war es wieder „Kindheit“, das Unwort,
das no-no für einen Ausstellungsmacher, der echte Trends zu setzen
vermag. „Was ich eigentlich sagen wollte.“ Ich versuchte
den Wagen noch mal rum zu reißen. In den endlosen Fluren meines
Schädels lief ich auf und ab um ein griffiges Wort zu finden, um
daran einen neuen Redeschwall zu stricken. Konzeptkunst stand da rot blinkend,
dick durchgestrichen. „Ich bin eigentlich gar kein Konzeptkünstler“,
höre ich mich sagen. Reden ist manchmal wie Selbstbedienungsregale
im Supermarkt der Gefühle. Das ist mein outing und er, Herr Museumsleiter
schaut mit versteinerter Mine aus seinem Büro hinaus auf die Straße.
Da gab es aber gerade so was von Garnichts zu sehen. Das Zucken seiner
Halsschlagader, die er durch seine Kopfdrehung quasi ins Bild gesetzt
hatte, war das einzige, was sich im Moment bewegte. Ich sprach nur noch
für mich. Mein eigenes Plädoyer. „ Nein, ich wollte auch
nie Konzeptkünstler werden. Mich interessieren die Dinge. Die liebenswerten
Dinge, die es vermögen Brücken zu schlagen zwischen jetzt und
immer. Zwischen dem speziellen des originären Gegenstands und dem
allgemeinverbindlichen des Archetyps. Es geht um das Gefühl einer
Erinnerung, obwohl der Anlass gar nicht benennbar ist. Ich redete mich
warm als müsse Ich die Massen begeistern. Brüder! Brüder
im Geiste. Wenn ihr jetzt nur da gewesen wärt. Bruder ,dich nenne
ich mal Bruder Zorro und die Anderen entstanden vor meinem inneren Auge
als Bruder Ché, Zapata und als roter Korsar. Mit einem: “So
muss man das aber nicht sehen“, hätte Bruder Zorro den ersten
Spieß ins Herz des Kurators gebohrt. Sicher wie ein Piccadero, der
gezielt den Speer in den Nacken des Stiers stößt. „Die
Objekte aufgereiht,“ fabulierte ich weiter und fand gefallen an
meinem Geplappere „dicht und vielfältig wie in einem Krämerladen
mit aller Wahlvielfalt zwischen den leckeren Dingen. Nehme ich grüner-Apfel-spezial
oder magic-Avocado? Und alles springt mich förmlich an mit seinem
Sex aus Form Farbe und Geruch. So aufgereiht möchte ich die Kunstwerke
im Raum haben und genauso scheindemokratisch wie alles was .....“.
„Ihr Ausstellungskonzept ist doch Loop-pool“. Unterbrach
er mich schroff. Er hatte sich mir wieder zugewandt, erst ganz gelangweilt,
mittlerweile, lauernd, konzentriert. „Das Einzige was ich mit Loop
verbinde ist die Endlosschleife in neueren Videoarbeiten von Bill Viola“,
zischte er ohne die Lippen auseinander zu bringen. „Puhh“,
stöhnte es in mir. Gegen Bill Viola, dem Giganten der Video-Kunst,
anstinken. Keine Chance. Mit feuchten Händen unten, oben gute Laune
vortäuschend, konterte ich: „ Ja, ja, wie bei ewig grüßt
das Murmeltier, wo metaphernhaft für den Alltagstrott, jeder Tag
exakt gleich beginnt. Vor allem der Aspekt der Gefangenheit in dieser
Zeitschleife.“ Ich fand mich ganz toll, wie geistreich ich das
erfasst hatte. Er aber saß mir gegenüber, gleichgültig
zurückgelehnt, mit diesem “das hab ich mir schon gedacht“,
um die Mundwinkel. Ewig grüßt das Murmeltier war eindeutig
ein Film unter seinem Niveau. An Fast-Food Computerspielen und chatten
hatte er einfach keinen Spaß. Grufti, was ist das für ein Leben
ohne Lara Croft? Ich rutschte unbequem auf diesem typischen Gäste-Bürostuhl
herum, grau, mit grobem Stoff bezogen. Sein Modell war ganz in Leder,
Armlehnen, Hartkunststoffschalen, kugelgelagerte Rollen, Gasfedertechnik.
Er verdient im Moment Geld ,schob sich in meinen Kopf. Ich bog ab auf
die Selbstmitleidschiene. Zur falschen Zeit am falschen Ort, beim falschen
Prof. studiert und aus die Maus. Mit einer Ausstellung wird’s wohl
eh nichts, vor allem, nicht bei diesem Herrn. Ich versuchte einen letzten
Ausfall: „ Bei Les Fauves, Brücke, Sezession bis hin zur Mülheimer
Freiheit hat man doch immer akzeptiert, die sind eine Gruppe, ergo haben
sie Interessenambivalenz“ Super Wort dachte ich, noch so eins.
„Weltanschauungskongruenz, zumindest aber hatten sie fett Spaß
beim gemeinsam Party machen“, vielleicht zu flapsig, „Reicht
es denn nicht aus, als Künstlergruppe ein gemeinsames Vokabular zu
haben? Eine übereinstimmende Sicht auf die Dinge und damit ein Repertoire
, wie aus einem Guss?“ „Man hat ja stellenweise Schwierigkeiten
unsere Autorenschaft auseinander zu halten“. „So langweilig
kann unser gemeinsamer Ansatz doch gar nicht sein“. Er faltete
seine Hände nahm sie flehend hoch fast vor sein Gesicht. Er lehnte
sich tief zwischen die Flanken des massiven Bürostuhls. „Immer
Rückendeckung“, dachte ich. Er hatte seine Erwiderung schon
parat, doch offensichtlich wollte er ein genüssliches und triumphales
Finale. Er schaute wieder zum Fenster rüber. Dreiviertel Profil.
Mit einem fast väterlichen, aber bestimmten Ton, jetzt schaute er
mir eindringlich in die Augen, schoss er seine V2 Wunderwaffe ab. „Wissen
sie Maler, auch sehr gute Maler habe ich genug. Die könnt’
ich jede Woche ausstellen. Junge Leute, gute Handwerker mit super Ideen.
Damit lock’ ich aber mein Publikum nicht hinter dem Ofen vor. Nein,
nein, was sie mir erst liefern müssen ist ein griffiges Ausstellungskonzept“.
Zum Ende seines Satzes war er schon aufgestanden und zu mir herübergekommen.
Ich erhob mich wie in Trance. Jovial legte er seine Hand auf meine Schulter.
Sein Anzug war zerknittert, seine blasse, konturlose Hand lag wie ein
frisch verstorbener Grottenolm auf meiner Lederjacke. Verabschiedungsfloskeln,
gute Wünsche, Artigkeiten. Draußen auf dem Gang nickte mir
Frau N. durch die offene Bürotüre zu. Mütterlich, verständnisvoll,
positiv, als wollte sie mir zu verstehen geben, dass ich nicht der erste
sei der... so ist der Chef immer und ich sei ja noch jung. Scheiße
ich werde bald Vierzig. Mit Vierzig ist man entweder erfolgreich oder
spielt unterste Unterliga. Ab dafür. Ich lief die alte Steintreppen
hinunter, das bag mit den Unterlagen über die Schulter geworfen.
Zur Türe raus . Eine dieser kleinen Großstädte, zwölf
Grad, regnerisch. Studentenstadt am Fluss, altehrwürdiger Kunstverein,
ein Durchgangslager für Ausstellungsmacher denen der Sinn nach größerem
steht. Ich dachte an Katrin. Man braucht das, wie jederzeit heißen
Tee trinken zu können, ohne wirklich Tee zu haben. An etwas denken,
wobei sich sofort ein vertrautes, warmes Gefühl einstellt. Mag sein,
dass das ein Trick ist, oder peinlich romantisch. Ich hatte aber kurz
das Gefühl ein Ritter auf Kreuzzug im Kunstgetriebe zu sein und Rosamunde
sitzt am Kamin Gobelins stickend und erwartet sehnlichst meine Rückkehr.
Egal. Manche mögen ihren nötigen Halt bekommen weil sie an Mutti
oder Zuhause denken. Ich weiß nicht wo mein zuhause ist. Spätestens
als meine Eltern die Wände meines Jugendzimmers überstrichen,
Wände die ich über viele Jahre mittels Wasserfarben in einen
Rousseau’schen Urwald verwandelte, spätestens da war mein
Zuhause da, wo ich bin. Jetzt bin ich in Berlin. Mitten drin. Zuhause.
Aber Brüder das möchte ich euch sagen, sicherlich ist diese
mittelgroße Kleinstadt trotz des einmaligen besonders erwähnenswerten
Aufenthalts meiner Person dadurch ausnahmsweise nicht automatisch zu meinem
Zuhause geworden. Diese Stadt sicher nicht, wo solche Kuratoren residieren,
was sage ich, Hofstaat halten. Brüder ich will beichten. Ich liebe
euch. Wir arbeiten jetzt schon so viele Jahre an dieser Idee, was auch
immer für eine Idee das sein mag. Auf jeden Fall tun wir das sehr
ehrenhaft, sehr idealistisch. Verzückt vom Schönen, Wahren und
Guten. Verzückt von unserer eigenen Tugendhaftigkeit und Tatkräftigkeit.
Das ist die Sonde, die unsere Ironie und unsere Subversivität befördert.
Sind wir Gutmenschen. Gutmenschen mit faustdick Schalk im Nacken.
Ich stand vor einem Gebäude, das ich auf dem Hinweg gar nicht gesehen
hatte, aber das war ja auch die Rückseite, denn ich kam relativ sicher
von der anderen Seite die Straße herunter. Ich habe bei Gott keine
sonderlich gute Orientierung. Ein Blick auf den Stadtplan hätte genügt.
Bilder kann ich mir einprägen. Aber ich musste es ja wieder wissen.
Scheiß Studentenstadt. Der ICE hatte wie immer Verspätung.
Ich saß im Raucher, Fenster, Tisch. Eine komische Angewohnheit,
obwohl ich seit drei Wochen nicht mehr rauchte. Die normalen Wochen nach
Silvester mit all den guten Vorsätzen. Die Luft war dick. Es war
nicht mein Qualm. Es war der Restqualm der Fahrgäste die bereits
ausgestiegen waren und jetzt die frische Luft auf dem Bahnsteig genossen.
Sie war hübsch. Ich sah sie nur von hinten, aber das reicht einem
Mann um ein qualifiziertes Fachurteil abzugeben. Sie lief den Gang lang.
Der kurvenreiche Streckenabschnitt zwang sie zu einer performance des
beweglichen Zusammenspiels von Hüfte und Wirbelsäule. Für
mich war sie zu groß. Sie setze sich ans Fenster, Brille, blond,
zartes aber scharfkantiges Gesicht. Ich sah sie nur gespiegelt in der
gläsernen Gepäckablage. Unterbrochen von weißen Punkten,
die irgend ein Designer dort gelassen hatte. Mit diesen weißen,
sich im Verlauf verdichtenden Punkten, schmeichelte er sich noch mal so
richtig an die miefige Restbürgerlichkeit die ihm verblieben war,
oder die ihm seine Auftraggeber abverlangten. Trotzdem hatte sein konditionierter
Geist das Restinterieur konsequent in Bauhaussoße getränkt.
Kein gestalterisches Risiko. Wieder saß ich zwischen Kitsch und
Konzept. Wie schon gesagt, bin ich kein Konzeptkünstler. Ich verstehe
auch nicht, dass Bilder in einem Regal, grüne Wände, oder Baustellen-Absperrungen
in einer Galerie aus Kunst, Konzeptkunst machen. Wenn Bilder in einem
Swimmingpool dümpeln, interessiert mich das Poetische an dieser Situation,
oder das Inhaltliche der Metaphern. Wie: “wasserdicht“ oder
“tragfähig“. Die Bilder jedoch werden unwichtiger,
treten in den Hintergrund. Die Gesamtidee steht im Vordergrund. Doch das
Brüder, ist Verrat an der Qualität der Einzelarbeiten. Sie ordnen
sich irgend einem Pippifax unter. Die Bilder müssen stärker
als die Deko sein. Das ist doch nicht besser wie ein Hochglanzkarton,
der banale Diätflocken beherbergt. Ich stehe aber nun mal auf diese
soliden immer aufs neue schmackhaften Getreideflocken, die nichts anderes
sein wollen, als das was sie vorgeben zu sein.
Ich fragte mich, ob sie mich auch in der gläsernen, gesprenkelten
Gepäckablage sehen konnte. Ob sie hin und wieder einen verstohlenen
Blick nach oben richtete, um die mitreisenden heimlich zu beobachten.
Frauen können beobachten, ohne dass man es merkt. Männer können
da noch so gewieft sein. Ich machte mein coolstes Gesicht. Für alle
Fälle. Frankfurt. Die einzige Stadt, die man nachts aus dem Abteilfenster
erkennt. Ich wurde immer vergrätzter. Ich gab die Cool-Mine wieder
auf. Diese Diktate ärgern mich so maßlos. Meinen achtundsechziger
Professoren war alles nicht kritisch oder inhaltlich konsequent genug.
Der Malergeneration vor mir konnte es nicht gestisch-struktural genug
sein. Voll Opfer der frühen Achtziger. Wir durften alles machen,
mussten dabei aber auf einen ehrlich gemeinten Rat, einen echten Standpunkt,
oder weitergehend auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Kommilitonen,
verzichten. Und jetzt kommen die Ausstellungsmacher, die nur ein Konzept
verstehen. Leute die ein gut gemachtes Objekt langweilt. Auf welchem Planet
sind wir eigentlich? Die alte Erde hat einhundert-zwanzig Milliarden auf
dem Buckel, aber von diesem Planet existiert nur noch der Schein. Brüder!
Natürlich Brüder im Geiste. Die Gangster von L.A., die vier
Musketiere u.s.w.. Irgendetwas verbindet uns im Denken. „Wir bearbeiten
die großen Dinge der Welt“, sagte Henk, Professor an der
Akademie. Er sagte das so kategorisch und abwertend. Er sagte es gleichzeitig
mit seinem holländischen Akzent und alles was er sagte klang nach
Rudi Carell. Verwirrend. Er meinte mit den großen Dingen: „Haus,
Boot, Auto“ oder „Frau, Geld, Sex“. Er dachte wahrscheinlich
nicht daran, dass dies genau die aktuelle Gegensatz-Trias zu „Glaube,
Liebe, Hoffnung“„Blut, Eisen, Erde“ oder anderer
abgekackter und überkommener Werte ist. Fuck off. Wir, liebe Brüder
wissen wie die Blondine aussieht, die zu diesem Bestrahlungskabinen-braunen,
Mitdreißiger gehört. Wir kennen sein Auto und seine Videosammlung.
Wir begreifen instinktiv, dass seine blonde, nicht ganz flache, langhaarige
Freundin keine Karriere im höheren Management anstrebt. Das ist Fluch
und Wahrheit der Klischees. Warum aber, meine Brüder, lieben wir
diese Kinderspielzeug-Dinge? Puppe, Haus, Pferd, Auto. Stimmt etwas mit
unserer Jugend nicht? Pommes Frites, Ketchup, Game-Boy? Der Kurator, den
ich real in seiner Miefstadt zurückgelassen hatte fiel mir in den
Gedanken mit: “Künstler können doch nicht fortwährend
in Ihrem Kindheitserinnerungs-Seelenkram herumwühlen. Wen interessiert
das denn noch“. „Trotzdem“, entfuhr es mir laut.
Ein kurzer Blick zur Blonden. Sie hatte es wohl gar nicht gehört,
oder tat so. Ein, Zwei, schauten mich fragend an. Halb mitleidig, halb
sensationslustig. Ich schob ein unbeholfenes Lächeln weit vor mein
Gesicht, machte etwas auf peinlich, peinlich, um dann wieder aus dem schwarzen
Abteilfenster zu schauen. Trotzdem, dachte ich leise, innerlich. Was war
da los bei Bruder Frank? Der Vater, Maler, Galerist, Architekt, hochbegabt,
stirbt weg, da war Frank vielleicht drei Jahre alt. Im Haus, das sein
Vater in den Sechzigern gebaut hatte hing alles voll. Hauptsächlich
Gemälde im Stil der Zeit. Ein bisschen klassische Moderne, kräftige,
konturlose Farbe. Bilder, pastos, sicherer Pinselstrich, aber schon den
revolutionären Hauch des Informellen. Basti ist alleine groß
geworden mit seiner Mutter. Von Bruder Keith weiß ich auch nur,
das heißt, man spürt es deutlich, er ist ein Internatskind.
Er kennt immer einen guten Spruch um an die volle Suppenschüssel
zu kommen. Und einen, um die Schokolade nicht teilen zu müssen. Bei
ihm muss ich immer an verpisste Stockbetten, Schwulitäten und Grabenkämpfe
um die Vorherrschaft auf der Bude denken. Ich habe dabei die Vorstellung
von einer verklemmten Pubertät in Thomas Mann-Atmosphäre. Wettwichsen
im Dunkeln. Bobs Papa ist ein hohes Nato-Tier. Ich stell ihn mir immer
vor, wie so ein Offizier aus „Full Metall Jacket“, oder
„Platoon“. Klare Ansagen, kein Pardon. Groß, breitschultrig,
kurzhaarig. Vier-Kant-Schlüssel-Kopf, viel Lametta und Deko an der
Weste. Auf jeden Fall musste Bob immer umziehen. Kindergarten in Da, Grundschule
dort. Holland, Norddeutschland, Schwäbische Alb. Von Carl weiß
ich nicht viel. Er spricht wenig und nie von Zuhause. Zuhause heißt
bei ihm Sauerland. In meiner Fantasie verknüpfe ich Sauerland mit
Sauerkraut, aber das gibt auch kein schlüssiges Bild. Bei allem hat
es Carl aber faustdick hinter den Ohren. Er ist mehr so ein Heinz-Erhard-Typ.
Aus den Lautsprechern werde ich aufgeklärt über Göttingen,
Fahrziele, Anschlüsse und die obligatorische Fahrtzeitverlängerung.
Die Stimme des Zugbegleiters klang angestrengt. Hochdeutsch war nicht
sein Steckenpferd. Es ist ein langer Weg von Regionalschnellbahn im Gehirn
zu Regionalschnellbahn im Kehlkopf. Sie stand auf, schlank, jung, Studentin.
Zu groß, zu hübsch. Wohin jetzt die Strickjacke? In den Rucksack.
Vorbeugen ohne das Hinterteil zu weit ins Gesicht des Nachbarn zu strecken.
Ein Eiertanz. Komisch, immer wenn jemand sich anschickt zu gehen, jemand,
den man lange und immer wieder mit Interesse angeschaut hat, über
den man sich so seine Gedanken gemacht hat, bemerkt man plötzlich
erschrocken, dass man kein Wort miteinander gewechselt hat. Dass man sich
nicht kennen gelernt hat. Dass alle Vertrautheit alleine im eigenen Kopf
entstanden ist, ohne fremdes zutun. Jetzt aufspringen wäre peinlich
gewesen, hin gehen und sagen, “war schön mit ihnen zu reisen“,
noch krasser. Wie ein eingespielter Mechanismus, da dieses holde Wesen
entschwand, drehte sich mein Hirn auf die Kerbe Katrin um dort hörbar
einzurasten. Das Wärmekuschel-Knutschgefühl stellte sich automatisch
wie erwartet ein. Noch zwei Stunden bis Berlin. Was wusste ich eigentlich
über meine Kindheit. Vater und Mutter berufstätig, beide tagsüber
im Geschäft. Zuhause meine Oma, die sich für die Aufsicht, nicht
aber für die Erziehung von uns Kindern zuständig fühlte.
Trotz zweier Geschwister machte jeder so sein Kram. Mit siebzehn in die
Lehre. Mit achtzehn Auszug. Mit einundzwanzig eigene Familie und eigener
Chef im elterlichen Betrieb. Meine ältere Schwester zumindest sagt,
ich hätte zu früh selbstständig sein müssen und hätte
jetzt Nachholbedarf. Das sagt die ältere Schwester. Na ja, ich glaube
nicht, dass die Kunst der Weißenhofer nachgeholter Spieltrieb ist.
Gestern gab es einen Regisseur im Fernsehen. Einer dieser Mitvierziger,
Serbe, Kosovo, Ukraine, irgendwo her, simultanübersetzt. Seine Filme
sollte man kennen. Arte oder 3-Sat. Ich habe die Filmtitel noch nie gehört.
Dieser hagere Mann mit dem post-war Gesicht sagte auf jeden Fall, dass
ein guter Regisseur, der nur einen Stuhl abfilmt, diesen auf jeden Fall
lieben müsse. Mein Innerstes applaudierte, wobei mir nicht bekannt
ist, welches Organ in mir für Applaus zuständig sein soll. Ob
da die Darmzotten aneinander klatschen. Göttingen, ein Ruck ging
durch das Abteil. Der Zug stand. Ganz und gar verspätet aber er stand.
Es ist die Liebe zu den Dingen, ging mir durch den Kopf, die liebe gibt
den Dingen das Seelische zurück. Das ist der Nenner, das vereint
uns Brüder. Aber, jeder Gedanke braucht sein aber. Aber im Vorrat.
Aber aufs Aberkonto. Ich könnte es ja mal einfach stehen lassen.
Doch selbst an klaren Sätzen muss ich noch feilen, schrauben, modellieren.
Irgendwas fehlt uns doch. Da ist ein Vermissen. Eine seltsame Sehnsucht
nach der Vertrautheit und Ehrlichkeit dieser einfachen Dinge. Stuhl, Tisch,
Brot, Vase. Oder sind wir nur zu verkalkt im Hirn, zu unterbelichtet?
„Künstler von heute machen Konzepte!“ Die Stimme war
wieder im Off des Hinterkopfes vernehmbar. Sind wir zu doof um anspruchsvolle,
intellektuelle Kunst zu machen? Sind wir Hosenscheißer am Rock der
Kunstmutti? Wollen wir nur kein echtes Risiko eingehen? Aber jede neue
Arbeit ist ein Risiko, das einfache Risiko des Gelingens oder Nichtgelingens.
Immer wieder ein Kampf um die Bilder auf den Punkt zu bringen. „Die
Arbeiten müssen wasserdicht sein“, sagte meine
Professorin, eine verhärmte und abgekämpfte Frau. Von was abgekämpft
war mir immer klar, vom auf den Punkt bringen. Wasserdicht, schwimmtauglich.
Au Scheiße, da schließt sich der Gedanke und ich lande wieder
im Pool.... schwimmtauglich. Alles kreist, loopiert quasi um den Pool.
Also doch ein Konzept?
Wannsee. Die Fahrgäste drängelten abermals zum Ausgang. Mit
Sack und Pack, spitzkantige Koffer wurden in Kniekehlen gedrückt,
schon geschulterte Rucksäcke, in die Gesichter der noch Sitzengebliebenen
geschwenkt. „Vollkommen sinnlos. Keiner von denen kommt auch nur
zwei Sekunden früher nachhause. Müdigkeit hatte sich im Großraumwagen
ausgebreitet, die Luft zum schneiden lustlos. Das Gespräch hinter
mir, eine Frau mittleren Alters, Sozialpädagogen-Slang, Heidelberger
Akzent, eine Mischung aus bunten Legings, etwas Übergewicht und Wollpulli.
Sie beseierte schon die ganze Fahrt einen hübschen Schwarzen im abgetragenen
Anzug. Dieser bigotte, salbende, ich verstehe doch alles Ton. Das Gespräch
gipfelte gerade, nachdem er sich seinerseits als Asylbewerber aus Ruanda
geoutet hatte, in dem Satz ihrerseits, es sei doch aber auch schön,
wenn man viel in der Welt herumkäme....
Zwei Kleinkinder klirrten und mägten ihr Unbehagen. Je gereizter
die Eltern, um so unangenehmer ist die Quitsch-Frequenz der Kurzen. Es
klang wie ein Tamagochi, elektronisch Zuneigung heischend, wobei sich
im Timbre schon das ganze spätere:“Ihr geht mir so auf`n Sack“,
ankündigte. Das also war die Post-Tamagochi-Generation, wobei sich
nichtmehr eindeutig klären lässt, ob die Balger, japanische
Digitalspielzeuge, klanglich nachamten, oder asiatische Designer diesen,
den Stilltrieb animierenden, bäh,bäh-miep,miep-Sound, perfekt,
hyperreal, imitierten. Ich wollte unbedingt nach Hause. Ben hat mir mal
von Vögeln erzählt, waren es Grünfinken oder Blaumeisen,
weiß nicht mehr. Auf jeden Fall, ist dieses kleine Federzeug in
der Lage, Töne zu imitieren. So denkt man das eine mal, da geht ein
Handy, das andere mal meint man den Braun-Wecker mit seinem penetranten
Alarmton zu hören. Kommt Alles von Freund Flattermann, als ganz uneigennützige
Erweiterung unserer akustischen Orientierung. Womöglich sind Babys
ja auch solche Stimmimitatoren und wiederholen, um uns eine Freude zu
machen, nicht ganz so perfekt mit ihrem bläh-bläh das Handy-klingeln.
Kinder würden sicher sehr viel schneller kommunizieren wenn man sie
nicht immer versuchte auf diesem niedlichen, eideidei, wo ist das kleine,
hadu Stinkerchen...Niveau zu halten. Was soll dabei auch rauskommen?
Zoo. Endlich Zoo. Die Türen glitten auf. Er kam rein. Langsamer wie
früher, nicht mit soviel Macht, aber immer noch ganz deutlich. Der
Berlingeruch. Kalter Brikettrauch, U-Bahngummi, schwacher Buletten-Käffchen-Geruch.
Zuhausegeruch. Treppe runter, grünes „S“, Treppe rauf.
Alle mit ihren Trollys oder Hand-Karren-Koffer-Anhängseln. Noch vor
einem Jahr gabs die gar nicht. Da trug der stolze und galante Mann noch
ihren und seinen Koffer selbst, war noch ein ganzer Kerl. Heute folgen
die Gepäckhunde brav, in devotem Abstand, ihren Herrchen. bei Fuß.
Bei jeder Bodenrille rhythmisches wau-wau-wau. Billigkarren aus Stoff,
dünnes Gestänge, die den nächsten TÜV nicht überleben.
Luxusgefährte, Gefährten fürs Leben, Hartschale, metallene
Stoßkanten auf distinguierten Gummirädern.
S-Bahn, egal welche. Von hier gehen alle über Friedrichstraße,
meine Haltestelle. Schönefeld fuhr ein. Auf Kommando sprangen alle
Türen auf und saugten Reisende wie Nachtschwärmer in das Innere
des Schlauchmagens. Ist das eine besondere Ängstlichkeit, die einen
dazu treibt, sich ständig zu versichern, ob man überhaupt in
der richtigen Bahn sitzt? Eine Unsicherheit die mindestens solange währt,
bis man in die nächste Station einfährt. Erst dann ist klar
ob die Fahrtrichtung stimmt. Das Greifen nach dem Hausschlüssel:
„wo soll er denn auch sonst sein“. Ist das normal, Hosenladenkontrolle,
Gesichtskontrolle im dunklen Fenster, die Jacke ständig, zwanghaft,
nach Geldbeutel oder Brillenetui abzuklopfen? Sind wir paranoid? Was wäre
schon, wenn der Hosenladen offen stünde, wir sind doch Unterwäscheträger.
Was wäre wenn ich die S-Bahn noch mal in die richtige Richtung wechseln
müsste? Ist da Peinlichkeit, Angst vor Fehlfunktion? Alles Paranoia.
Friedrichstraße. Im Provinzstädtchen wurden um diese Zeit schon
die Gehsteige hochgeklappt. Sollte mein so liebgewonnener Starkurator
jetzt noch schnell in seiner Miefstadt was besorgen wollen, nada, Asche.
Friedrichstraße leuchtet die ganze Nacht. Heute Sondervorführung,
es boxt der Papst. Geöffnet von sechs bis sechs Es steppt der Bär
vierundzwanzig Stunden täglich. Ich musste nur noch ums Eck. Ich
und mein treuer Hund, braunes Fell, zwei Räder. Plattenfuge, Plattenfuge,
Plattenfuge. Geschwister Scholl Straße, durch die große Tür,
Vorderhaus, ehemals königlich. Im Hof sofort der gewohnte Blick hoch
zu unseren Wohnungsfenstern. Ja, ja, sie war da. Katrin ist zuhause, Katrin
ist noch wach, aufgeregte Freude stellte sich ein. Wie immer bat ich meinen
Koffer leise zu sein. Ich wollte mich anschleichen. Ich wollte sie überraschen,
denn sie wusste ja nur wage, wann ich zurückkommen würde. Eine
Treppe rauf, erst mal den Briefkasten checken. Das ist wie mit der Brieftasche.
Natürlich war der Briefkasten leer, da Katrin ja schon vor mir nach
Hause gekommen war. Unbewusste Reflexe, das ist der Anfang von Altersschrulligkeit.
Ich machte die Tür auf und stand in der Küche. Einen Flur davor
gibt’s nicht mehr. Ich sagte erst mal leise, laut: „Hallo“.
Aus ihrem Zimmer kam sofort ein freudiges: „Hallo Süßer“.
Der Stimme folgte jedoch nicht die Person. Das war eindeutig. Da steckte
mal wieder nächtliche Computerarbeit dahinter. Also blieb nur eine
Umarmung vor dem Altar neuster Medientechnologie übrig. Auch so ein
Schoßhund der Labtop. Auf dem Weg in ihr Zimmer fiel mir noch mein
Poststapel in Auge. Er verriet im vorbeigehen noch nicht ob er etwaige
gute oder schlechte Nachrichten beinhalten würde. Nur so ein Nachbild
des Poststapels nahm ich noch mit in Ihr Zimmer. Dann Katrin. Küsse,
Vertrautheit. „Wie war`s“?, „Wie war`s“? „Bei
dir“? „Und bei dir“? Alles genauere später,
„mach erst mal dein Zeug da weiter“.
Gott sei Dank, keine unerwartete Rechnung. Zu bezahlen, ein Satz der einem
das Messer reinsteckt und mit dem Wort Mahnung, gleich noch in der Wunde
umdreht. Ich förderte eine Postkarte zu Tage. Auf der Forderseite
ein paar seltsame bunte Bretter-Skulpturen irgendwo in urbanem Ambiente.
„In fünf bis zehn Jahren fällt da die Farbe ab, da freut
sich die Gemeinde..“ schoss es in mein Handwerkergehirn. Beim Umdrehen
der Karte war klar, eine Karte von Bruder Bob. Also innerlich, alle allzu
schnellen, Urteile über die abgebildeten Bretterskulpturen zurückgenommen
und mit uneingeschränkter Kollegensolidarität ersetzt. Schöne
Grüße aus Stuttgart war auf der Rückseite zu lesen. Ich
hatte das Gefühl das wenige an Text war eher ein Understatement und
mir klang Bob im Ohr: „He Alter war`n echt geiles Projekt, ist
super gelaufen und ne Menge Moos ist auch noch hängen geblieben“.
Einer der Umschläge hatte gleich meine Aufmerksamkeit erregt. Galerie
Koch und Grieß, sehr gestylter Briefkopf, Hip-Orange auf Weiß,
Positiv, Negativ. So was macht der Hausgrafiker, wenn man ihn nicht mit
eigenen besseren Ideen füttert. Koch und Grieß war mir als
Galerie nicht unbekannt. Eine der nobleren, etablierten Galerien in Tiergarten.
Eine jener Galerien, die meinen, weil sie in einem besseren Kiez ansässig
sind auch gleich die gutsituierte Nachbarschaft mit teuren Bildern beglücken
zu können. Ich kann diese Affen nicht ab. Er, dunkler Anzug und exaltierte
Krawatte, die heute bin ich unter Künstlern Krawatte. Dazu das, ich
wäre ja gegebenen Falls sogar bereit ein kleines Werk zu erstehen,
Gehabe. Sie, Cucci, Kenzo, Armani, kurzes Kleid, Mitvierzigerin, teure
Stola, Schmuck, Silber, große Steine, vom ganz reizenden Schmuckkünstler
aus dem Viertel. Für die Abendgarderobe sind also schon mal zwei
bis dreitausend weg. Bleibt noch zu finanzieren, der fünfer BMW und
die hundertsechzig Quadratmeter Eigentumswohnung, Vorderhaus, dritter
Stock. Diese Leute gehen auf Vernissagen, weil das chic ist. Man beweißt
Kulturinteresse und lässt sich als potentieller Käufer gerne
hofieren. Aber de facto ist für Kunst gar keine Kohle da. Kunstinteresse
beginnt mit Nahrungsüberschuss. Ich war schon mal in dieser Galerie,
mit Katrin, erinnerte ich mich. Bruder Carl hatte Eröffnung. Da musste
also der Kontakt entstanden sein. Ob das damals die Galeristin war, die
uns mit Handschlag in der Galerie begrüßte, wusste ich nicht.
Es machte auf mich einen äußerst professionellen Eindruck.
Normalerweise geht man in eine Galerie, steht ein bisschen blöd rum
und traut sich nicht in diesen im Grüppchen zusammenstehenden Kreis
aus Galerist und Wichtig Wichtig-Leuten. Schon gar nicht geht man hin
und sagt: „Hallo ich bin der und der, Künstler, danke für
die Einladung u. s. w.. Falls Kunden dies ganz vorsichtig tun, freuts
den Galeristen, könnt ja noch was drauß werden. Tut das der
kleine Popel-Künstler (Popel-Künstler = noch nicht auf der Bienale,
Venedig gewesen, nicht für die Dokumenta in Kassel vorgeschlagen
und kein enger Freund von Kaspar König oder Harald Szeemann ), wirkt
das auf den Galeristen eher anbiedernd. Im Großen und Ganzen, unterm
Strich, grub sich der Galerienamen an diesem Eröffnungsabend in der
Kategorie:“ Gute Galerie, da möchte ich gerne was machen“,
ein.
Ich öffnete das Kuvert. Lieber Herr Raschke ( die kennt mich nicht
) ... Katalog gesehen...sehr gefallen... Interesse...können wir einen
Termin vereinbaren? WOW! Feuchte Stirn und stolz geschwellte Brust. Da
wollte jemand was von mir, ganz eindeutig. Sie meinte mich. Das war Ajuveda
auf meine trockne Seele. Bis zu diesem Zeitpunkt baggerte ich die Galerien
an, meist erfolglos. Aber jetzt hat sich das Blatt gewendet, dachte ich.
Seit heute Kategorie:“ Man wird angeschrieben“. In Zukunft
nur noch mit Krawatte ins Bett. Ich stellte mir gleich vor, in nächster
Zeit sehr regelmäßig Angesuche derart um meine hochwohlgeborene
Person gnädigst entgegen zu nehmen. Ich lief rüber zu Katrin,
um ihr ganz souverän und relaxt zu sagen:“Du, da hat die Galerie,
du kennst die doch, da waren wir, die möchte was mit mir machen...
na ja, mal sehn.“ Katrin merkte sofort, dass ich eigentlich Stolz
wie Bolle war, es aber nicht zeigen wollte, zwecks Coolness. Sie nennt
mich immer den Oberbedenkensträger. Mag schon stimmen, irgendwie.
Ich mach immer wieder die Erfahrung dass, mit jedem Schritt den man näher
an das kommt was man denkt erreichen zu wolle, auch immer neue ungeahnte
Probleme am Horizont erscheinen. Hat man mehr Ausstellungen, hat man automatisch
mehr Fahrten, Transporte, Gespräche, Logistik, das heißt gleichbedeutend,
weniger ins Atelier, weniger Zeit für Profit-Jobs nebenher. Fazit:
Oberbedenkensträger.
Trotzdem, es war erhebend zu wissen, da hat jemand ein paar Abbildungen
im Weissenhofer Katalog, den Bruder Carl ihr wohl gezeigt haben muss,
gesehen und findet das dann so gut, zumindest eine Gruppen, wenn nicht
sogar eine Einzelausstellung zu erwägen. Offene Fragen drängten
in meinen Kopf. Was zeigen die sonst so, Koch und Grieß? Wer sind
die? Warum zwei? War diese hübsche ,junge Frau, die wohl offensichtlich
zur Galerie gehört haben muss, eine dieser Volontärinnen, die
sonst in ihrer Zwingburg aus Fax, Computer und Telefon, Nägel lackierend,
ohne auf zuschauen, den Galeriebetrieb am laufen halten? Oder war es die
Galeristin selbst? Wobei Koch und Grieß genauso für ein alterndes
Schwulenpärchen stehen konnte, die keine Lust mehr hatten ihren Büro
oder Schuldienst abzuhocken und stattdessen sich als Galeristen verwirklichten.
Oft die guten Galerien. Um Bruder Carl anzurufen war es zu spät.
„Außerdem ist das jetzt meine Sache“, dachte ich und
Matze Beckmann alias Bruder Carl, könnte ich auch noch später
für den Kontakt danken. Wenn die Sache gut lief. Das war ja noch
gar nicht sicher. Katrin kam in die Küche in der Hand ein Glas Wein,
Chianti. Chianti einer unserer Nenner. Chianti mögen wir beide. In
den Jahren die wir jetzt in Berlin zusammen wohnen, haben sich feste Rituale
eingestellt. Abends bei einem Glas, meistens werden es mehr, oft zu viel,
teilen wir uns mit. Katrin schüttet zuerst aus. Ist O.K., ich komme
dann später noch dazu, meine Tagesbedenken, oberbedenkensträgermäsig
zu äußern. Mein größter Horror wäre es abends
nur noch zu hören, was Kollege A über Kollege B gesagt hätte
und, dass bei all den Überstunden die Bezahlung viel zu schlecht
sei. Wir haben uns immer noch viel zu erzählen. Schön, aber
das Mitteilungsbedürfnis des einen trifft nicht unbedingt zeitgleich
auf die Empfangsbereitschaft des Anderen. In unserem Leben passiert ständig
was. Seit Katrin ihren Job gewechselt hat, von der alten Ost-Charité
ans Robert Koch Institut, arbeitet sie wieder gern. Sie litt dort, glaube
ich, an Ineffektivität. Nicht effektiv sein zu dürfen macht
sie rasend. Sie kann, während sie morgens noch Texte durchließt,
Zähne putzen oder sonst was. Könnte man rauchen und Zähne
putzen gleichzeitig, sie wäre die Erste.
Wir saßen in unserer Großküche. Sie ist, seitdem wir
und ein paar polnische Hände die trennenden Mauern beseitigten, was
in Berlin ja besonders schick ist, ein riesen Ess, Wohn, Leberaum, geworden.
Der ehemalige Ost-Charm der Berlin-Mitte-Wohnung ist hin. Ab dafür.
Katrin teilte meine Bedenken, was das Ausstellen in einer eher etablierten
Galerie angeht. Du musst erst mal das Programm sehen, was die sonst noch
so zeigen. Sie kennt inzwischen meinen Beruf fast so gut wie Ich. Was
ich von ihrem kaum behaupten kann. Zu kompliziert, zu wissenschaftlich.
Ich bin froh, wenn ich Vieren von Bakterien unterscheiden kann. „Natürlich
zeigen Mitte-Galerien junges Programm, sogenannte Avantgarde. Da gehört
ihr eigentlich hin.“ Mit „Ihr“ meinte sie mich und
Sebastian, respektive unsere Gruppe: DAS DEUTSCHE HANDWERK, im engeren
Sinn. „Da verkauft man ja nichts“, konterte ich. „Das
schaut man sich gerne an, findet alles und sich selbst, hipp, um dann
im Wohnkaufhaus das Werk: “Mädchen sich entkleidend“
zu erstehen“. „Das sind auch nicht eure Käufer“.
Da hatte Sie recht, aber an diesem Punkt kreist ein Kunstgespräch
um sich selbst. Es kreist um eigenen Anspruch, Selbstverständnis
auf der einen und realem Kommerz auf der Anderen. Mit der lächelnden
Übereinkunft, “komm wir gehen ins Bett“, stoppten wir
die Rotation. Dann wurden die Sätze rarer. „Hast du den Wecker
gestellt“? ...“Schön mit dir“... „Schön
wieder da zu sein“...“Ich ruf morgen gleich da an“...“Ja,
dann weißt du mehr“...“Doucement, doucement“....
Katrin ist keine klassische Schönheit. Klassische Schönheiten
sind meist erotisch wie ein Glas Wasser. Ich würde sagen sie ist
höllisch attraktiv. Bei ihr scheint nur das Gesicht über die
Jahre ein paar unwesentliche Falten mehr bekommen zu haben. Der Rest bleibt
fast unverändert. Sie ist drahtig glatt gespannt. Eine Langstreckenläufer
Figur wie Ich. Meine Hand verlor sich auf ihrer makellosen Haut. Vertraute
Landschaft. Die schönsten Spazierwege.
Am nächsten Morgen wieder Rituale, oder sind es Regeln, die sich
aufgrund einer ihnen innewohnenden Effektivität durchsetzen konnten.
Frühaufsteher, Ich, Tee kochen, Langschläfer Sie nochmals umdrehen.
In der wunderschönen blauen, halben Stunde, die ich schon immer morgens
mit meinen immer, gleich halbschläfrigen Handlungsabläufen,
genoss. Kocher, Wasser rein, anschalten, Kanne, Tee rein, Schrank, Teller
raus... ,konnte ich die Gedanken kommen lassen. Was sage ich nun? Zeige
ich erst mal Interesse, oder bin ich erst mal cool? Erscheine ich dann
umso professioneller? Ich versuchte mir vorzustellen, wen ich da wohl
am anderen Ende der Telefonleitung vorfinden würde? Aus nichts kommt
nichts. No Idea.
Katrin kam schlafwandelnd in die Küche, griff, wie noch in Trance,
zu einer Tasse Tee. Morgenstund hat Blei im Arsch. Ich mache gerne die
Mutti, Kochen, Putzen und so, irgendwie genetisch. In Gedanken war ich
schon mit der Galerie im Gespräch. So gegen halb zehn, ich brauchte
etwas Vorlauf um die Gesichtsmuskeln geschmeidig koordinieren zu können.
So gegen halb zehn rief ich an. Eine sympathische Stimme klärte mich
über Öffnungszeiten und derzeit laufende Ausstellungen auf.
Überall trifft man auf zweite Hand Informationen. Am Bahnsteig, im
Zug, oft verliert man sich desaströs in Sprachgeführte Auskunfts-Labyrinthen.
Wollen Sie sich beschweren, drücken Sie jetzt die Acht... Beschwerden
können derzeit nicht entgegengenommen werden....Wollen sie an den
Gesprächsanfang, drücken Sie die Zwei...Wollen Sie sich beschweren
drücken sie jetzt die Acht... und so weiter. Ich ging noch etwas
auf und ab, räumte Teller weg, trank Tee, schaltete den Fernseher
ein und wieder aus, dachte ans Onanieren nur so zum Zeitvertreib, schaltete
den Computer ein und hackte erst mal alle Daten von Koch und Grieß
ins Outlook. Das fühlte sich an wie eine Art Aneignung, ein Festhalten
und Einverleiben einer Sache, die mir nicht mehr entgleiten sollte. Ganz
professionell, die Daten auf dem Schirm, rief ich nochmals an. „Galerie
Koch und Grieß, Babara Grieß“. „Hallo, ja, vielen
Dank für ihr Schreiben...“. Dabei dachte ich die Stimme erkannt
zu haben. Es war die junge, Hübsche kurzhaarige, gutgebaute, seriös
wirkende Galeristin und nicht die Bürovertretungs, Fingernägellackier
Schlampe. Sie hatte etwas neckisches im Ton, das trotz der kühlen
Geschäftigkeit nach Oben drang. Mittwoch. Wir verabredeten uns auf
Mittwochabend. Da macht die Galerie zwar zu, aber Sie sei immer noch länger
da. Ein Profipunkt für Sie.
Die nächsten Tage verliefen im normalen Trott. Bruder Carl wurde
angerufen und über den Besuch bei Oberkleinstadtkurator informiert.
Carl hatte wie nimmer so eine trockene Art. Also man müsse da dranbleiben,
der Mann schreibt für die wichtigste Kunstzeitschrift Deutschlands.
„Aber nicht über uns, darauf kannst du wetten“, entgegnete
ich. „Ja aber wer weiß, ob der nicht bald an ein besseres
Haus wechselt und uns dann mitnimmt“, „glaubst du“!
fiel ich ihm ins Wort. „Der braucht spektakuläre Sachen und
große Namen, nicht uns“. Daß ich da womöglich
mal was mit Koch und Grieß mache, fand er ganz toll. Das mag ich
an Carl, das ist hundert Prozent echt. Die seien schon ganz seriös
und machen gute Galeriearbeit. Der Koch hätte noch ne Galerie in
Hannover, die wohl vorher schon seine Mutter betrieben hatte. Das klang
ganz gut und Carl kennt sich aus, kennt Jeden, kriegt jedes Stipendium.
Carl macht das gut. Carl geht demnächst auch an die Cité des
Arts in Paris, ein Künstlerhaus mitten drin und so verabredeten wir
wage die nächste Weissenhofer Gruppentherapie Sitzung in Paris. Er
erklärte sich bereit, die Brüder zu informieren, außer
Basti, der hier in Neukölln wohnt, das war immer meine Sache, selbstredend.
Ein Tag später rief dann ganz aufgeregt Bob an, was denn das da für
ne Kacke mit dem Kurator gewesen sei und was der sich denn einbilde. Sein
Ärger beruhte auf dem Glauben, wir hätten ja wohl Konzept genug
abgeliefert. Ich dagegen bezweifelte nochmals ganz nachdrücklich
, ob das überhaupt ein Konzept sei und nicht nur ein nettes Wortspiel:
Looppool obendrein seien wir doch sowieso keine Konzept Künstler.
Das hätte ich nicht sagen sollen, au weia. Es war klar, dass das,
den immer gleichen halb ironischen Schlagabtausch nach sich ziehen würde.“
Aber ihr seid eben Konzept Künstler, das deutsche Handwerk, du und
Sebastian“, kam aus dem Hörer und anstatt ins Ohr zu gehen,
stand dieser fast schon Vorwurf, im Raum. Fazit: erneut Klärungsbedarf,
aber flapsig, weil unter Freunden. „Das ist doch was ganz anderes“.
Eine Floskel, eine Worthülse schob sich durch die Leitung. Kein Sprengsatz,
aber ein dauernder Reibungspunkt. „Das Handwerk macht schon richtige
Konzepte. Es ist wie Basti gesagt hat, Bruder Keith würde nie eins
seiner Bilder hinter eine Flasche oder eine Skulptur, oder sonst was stellen,
auch wenn es im Konzept stimmig ist. Man muss auch mal die Einzelarbeit,
bei aller Eitelkeit, einer Idee opfern, oder zumindest unterordnen können.
Das seh ich nicht bei den Weissenhofern.“ „Das sei doch
ein scheiß Rumgemache“, motzte Bob durch die Leitung. „Jetzt
machen wir erst mal an der Looppool-Geschichte weiter und sehen wie weit
wir damit kommen“, erwiderte ich unemotional und sehr versöhnlich.
“Ja, ja is gut“, lenkte Bob ein. „Also dann, und
sag mal, wie ist das mit Paris, wäre doch echt klasse wenn wir uns
da sehen könnten“. Klar fand ich das gut und fühlte mich
von der extraordinären Wichtigkeit unsereins als Parisstipendiaten,
geschmeichelt. „Und noch danke für deine Karte , schöne
Arbeit vorne drauf“. Das musste ich los werden. Mit, “Ja
danke du weißt ja, das war die so und so Sache,“ fanden wir
zurück zur Ausgeglichenheit des Gefühlskontostandes. Da konnte
ich mir gerade noch verkneifen mit dem Koch und Grieß Termin aufzutrumpfen
und alles erneut in Schieflage zu bringen. Am selben Abend kam Sebastian,
also Basti, alias Bruder Frank, vorbei. Ich freute mich wie immer Ihn
zu sehen. Seitdem er Papa geworden war, wurden Treffen mehr selten. Besonders
freute mich, dass er spontan , einfach so vorbeikam, obwohl inzwischen
sein Leben noch verplanter war wie meins. Vor allem war ich erfreut, ihn
alleine zu sehen. Mit Familie im Schlepptau gab es immer n´ Bisschen
Papastress. Basti ist unbestritten mein bester Freund, mag es daran liegen,
dass wir fast auf den Tag gleich alt sind, oder daran, dass wir uns täglich
mit dem selben Werten und der selben Weltanschauung durch das Leben schlagen.
Ich möchte aber noch einräumen, dass manchmal alleine die Definition
über die Realität triumphiert. Damit will ich sagen, es kann
ohne weiteres sein, dass man in sich festlegt, das ist mein bester Freund
oder die Freundin wird zu, mein Schnuckelbär und zu guter Letzt bleibt
nur noch ein Begriff, ein Bild, das alleine und nur durch meine Emu-Verknüpfungen
existiert. Aber da draußen ist in Wirklichkeit schon lange keiner
mehr.
„He Alter“, war seine Begrüßungsformel. So stand
er grinsend in unserer Wohnküche, genau wissend, dass sein plötzliches
Auftauchen, freudige Überraschung erzeugte. Sich umschauend, mit
diesem, welche Wand habt ihr denn jetzt wieder rausgerissen Kontrollblick,
zog er seine Wollmütze vom Kopf. Was seine Wollmütze war, war
bei mir das Cap. Eine Reminiszenz an die Jugend, die wohl als solche um
die Zeit endete als Vorstadtgangsterkids in Kaputt Kaputzenpullis auf
Scateboards und mit Finstermine Puff- Daddy lauschten. Katrin kam dazu,
großes Hallo.
Ich hatte gekocht. Alle Inkridentien von Spar-Markt in der Torstraße,
ehemals Wilhelm Piek Straße. Was hätte wohl Wilhelm Piek von
so einem Supermarkt gehalten. Es war so ein richtiger Rentner Discount.
Großes Angebot von gemischtem Aufschnitt, sowohl Wurst, als auch
Käse. Statt einem ordentlichem Schoko-Angebot, (Süßtafeln
für Wilhelm) Regale voll Pralinenmischungen, Edle Sorte. Man fand
eher Sekt als Wein. Eckes Kirsch, Rake Rauchzart. An der Kasse gab es
kein Gedränge. Man nahm sich Zeit für einen Blick auf das reichhaltige
Angebot von Frau im Spiegel, Neue Post und Kreuzworträtsel Heften.
Das Schweinefilet hatte ich mit „Bacon Frühstücksspeck
umwickelt. Das hält das zarte Fleisch zusammen und hindert es beim
Braten auszutrocknen. Filet sollte innen immer etwas rosig bleiben. Rind
vor allem wird schnell zu trocken. Ich verwende zum Braten bevorzugt Butterschmalz.
Butterschmalz vereint zwei Vorteile. Auf der einen Seite wird er heißer
wie Butter ohne zu verbrennen. auf der Anderen beinhaltet er die Bestandteile
der Butter, die geschmacksverstärkend wirken. Ich hielt noch nie
was davon die Garzeit dadurch zu verkürzen, indem man den Deckel
auf die Pfanne setzt. Das macht das Fleisch außen unnötig feucht
und nimmt den scharf angebratenen Stellen die Knusprigkeit. Dazu gab es
grüne Bohnen. Natürlich frisch, soviel Arbeit ist das gar nicht.
Waschen, mit Küchenkrepp etwas abtrocknen, Stiele und schwarze Stellen
entfernen, in etwas Wasser unter der Zugabe von einem Tick Butter und
einer Priese Salz dünsten. Bohnenkraut ist ein unbedingtes Muss.
Glücklicherweise hat uns Mutter Natur, herrliche untrennbare Geschmackspaarungen
beschert. Warum auch immer. Aufgrund eines großen undurchschaubaren
Plans. Offensichtlich ein Gottesbeweis. Was wäre Tomate ohne Basilikum,
Leber ohne Rosmarin, Fisch ohne Dill oder gedeckter Obstkuchen ohne Schlagsahne?
Katrin war an diesem Abend für den Kartoffelbrei zuständig.
Ein Kartoffelbrei, der alleine schon eine Delikatesse ist. Aus frischen,
mehlig kochenden Kartoffeln, keine Milch, nur Sahne, Salz, Muskat. Kartoffelbrei
war das, auf was sie sich einen langen harten Arbeitstag freute, dementsprechend
musste er beschaffen sein. er versöhnte mit der Welt, und degradierte
alles andere, gebraten, pochiert oder blanchiert, wie auch immer, zu bloßer
Beilage. Basti kam gerade noch rechtzeitig. Wenn man ihn fragte, ob er
mitessen wollte zierte er sich immer ein bisschen. Dass er nicht extra
eingeladen sei und zu überraschend käme, dachte er womöglich,
oder, dass er viel öfter bei mir aß als anders herum. Ich weiß
es nicht, “hab dich nicht so“, gieng mir durch den Kopf
und: “essen ist zum essen da“, und andere einfache Sinnsprüche
Ich war begierig bei Nahrungsaufnahme und nem Glaserl Wein alle Neuigkeiten
zu berichten. Basti stimmte natürlich mit mir überein, was für
ein eklatanter Schwätzer dieser Dr. Kunsthallendirektor war. „Der
hockt da doch nur rum, solange, bis er ne bessere Stelle bekommt und während
wir da tierisch rummachen , morts Stress haben, Reisekosten selbst bezahlen,
verdient der monatlich festes Gehalt, BAT, und nicht zu knapp.“
echauffierte er sich. Genau meine Worte dachte ich, na ja , eben Brüder
im Geiste. Katrin motzte ein bisschen mit, einmal, weil sie meist auf
unserer Seite stand, aber auch weil sein in ihrem Virologen-Gesundheits-Job
tierisch viel arbeitete, für wenig Geld, weil es eben, mit aller
Effizienz, gemacht werden musste. Sesselfurzer hasste sie wie die Pest.
Ich erzählte noch von Koch und Grieß, Babsi Grieß, wie
Becki sie am Telefon nannte und obwohl ich es Katrin gegenüber verschwieg,
was ich über Babsi so als Mann dachte, hatte Basti genug mit bekommen
um gleich zu sagen: „Ist ja voll die Schnecke, eh“. Treffer.
Beim nächsten Glas Wein musste das mit der Loopool-Sache doch noch
mal aufs Tapet. „Ist mir schon klar, dass der fürs Kunstforum
schreibt und wäre natürlich super ,wenn der sich für uns
einsetzen würde, überhaupt, das ist noch mal ein Standbein in
Süddeutschland, bei aller Verbreitungstaktik“, hob ich an.
„ Der hat doch längst die Kataloge vom Handwerk und von den
Weissenhofern, wenn der wirklich was machen, sich für uns einsetzen
wollte, dann wär da schon was gelaufen“. „Ja, aber“,
sagte ich. “Ne, warte, ich muss doch niemand die Füße
lecken, ham wir nicht nötig. Ich hab kein Bock auf so ne halblebige
Sache, dazu noch n`pseudo Konzept wie Looppool, lieber mach ich da nichts
und ne richtig gute Sache mit dir, als Handwerk“. Seitdem Basti
ne kleine Tochter hatte entwickelte er ein äußerst seismographisches
Gespür dafür, wo bei aller knappen Zeit und Energie sich der
Einsatz lohnte, faktisch sowie gefühlsmäßig, und wo eher
nicht. „Ja, hast wohl recht“, antwortete ich nachdenklich,
den letzten Schluck Chianti leerend. Es war immer gut, wenn Basti meinen
Enthusiasmus zur rechten Zeit bremste, oder meine Bedenken zerstreute.
Katrin pflichtete ihm bei, wohl wissend, dass ich zum, mich verzetteln,
neige. Jetzt waren wir beide fast vierzig. Der Satz, das ist was, was
ich echt nicht brauche, oder, das will ich auf Dauer nicht mehr haben,
nahm einen immer größeren Anteil in unseren Gesprächen
ein. Ich nahm die Unterhaltung wieder auf. „Im großen Ganzen
nutzten uns doch all die Kontakte“. „Jetzt machen wir was
in Jena, in Reutlingen, beim Pfarrer Meier und so weiter. Das ist doch
eine gute Art von Verbreitung. Wir sind überall present“.
„ Das kann uns doch nur nutzen“. Einem ablehnenden Satz,
eilt bei Sebastian immer ein verächtliches die Nase hochziehen, ganz
ohne jeglichen Rotz, voraus. Dabei zieht ein Mundwinkel in die gleiche
Richtung mit. „ Da fahrn wir wieder hin, vorher packen, Aufbaustress,
zur Eröffnung kommen dann drei Verirrte, wenn’s gut geht n`
bisschen Presse. Ich weiß“, dazu eine allen möglichen
Widerspruch vorsorglich hinwegfächelnte Handbewegung. „ Jede
Presse ist gute Presse. Rückfahrt, vier Wochen später Abbau,
hinfahren, zurückfahren“. Wie der Satz enden musste war schon
fast zu erwarten. „Ne, das bringt mir echt nichts auf Dauer“.
„ Na ja, schaun wir mal“. Schaun wir mal hütet uns
vor der Verhärtung des Gesprächs. Auch ein Grund mit jemandem
gut klar zu kommen. Basti ließ sich an diesem, wie an den meisten
Abenden nicht überreden, die Schlechtigkeit der Welt in Chianti zu
ertränken. Das traute Heim und sein Verantwortungsgefühl, eine
weiterer Baustein lange währender Freundschaft, riefen ihn zurück.
Beim Rausgehen, die Gangstermütze tief über die Ohren ziehend,
nahm er mich in den Arm und verabschiedete sich mit “Aber ist doch
super, dass wir die Kunst am Bau in Konstanz haben“. „Siehste,
darüber ham wa noch gar nicht gequatscht, wir sehn uns zu selten...Grüße...Grüße
an die Lieben, chiao“, war das Letzte, was ich noch zu ihm sagte,
da war er schon, mit diesem beschwingten, kleine Jungens Gang., halb die
Treppe herunter.
Mittwoch. Ich fuhr ins Atelier. Meine miserable Orientierung zwang mich
auch nach Jahren in Berlin immer noch genau zu checken, ob ich am richtigen
Bahnsteig stand. Jede “S“ in Richtung Alex war O.K.. Obwohl
es herbstlich kalt war machte die Sonne die Stadt glänzend. Ich war
ein bisschen acufgeregt, denn der Termin bei Koch und Grieß stand
an. Gleichzeitig gab das dem Tag auch etwas Besonderes. Ins Atelier zu
fahren war Alltag. Trotzdem, immer wieder aufs neue kurios, die Strecke
durch die Museumsinsel. Die S-Bahn Hochtrassse durchschneidet geradewegs
die Museumsgebäude. Man fährt wie auf einer Sightseeing tour
durchs Gelände. Da die Herbstsonne noch tief stand erleuchtete sie
durch die hohen Museumsfenster, all die steinernen Figuren der Glyptothek.
Weiße, römische Statuen zogen vorüber. Eine einzigartige
Kamerafahrt. Ein Museumsbesuch en passant. Alex und der ganze Osten leuchteten.
Ich musste raus, runter auf die Acht, Richtung Hermanstraße. Mein
Atelier ist am Zickenplatz, Kreuzberg, Kottbuser Damm, Haltestelle Schönleinstraße.
Auch wenn es mühsam war allmorgendlich die Vorhängeschlösser
aus der Gittertür aus zuhängen, war ich doch froh, rings ums
Atelier Eisengitter zu haben. Zickenplatz, Kinder und Hundescheiße
spielen im Sand. Junkies im Tran. Crackraucher mit leerem Blick. Am Zickenplatz
treffen sich zwei Welten. Bis Diffenbachstraße regiert der Koran.
Statt Buletten, Lachmancun, türkische Basar Atmosphäre verbreitet
sich um weit auskragende Gemüsestände. Handy-Läden wechseln
sich mit Turk-Air Reisebüros und Dönerbuden ab. In der Diffenbachstraße,
Richtung Urban, plötzlich bürgerliches Flair. Kleine Handwerksläden,
Glaser und Elektro, eine Zoohandlung, Copy Shop. Mein Atelier ist im Parterre.
Ich schloss hinter mir die erste Gittertür vorsorglich ab. Diese
Angewohnheit kam schnell, nachdem die ersten Wochen verschiedene Gestalten,
plötzlich in der Werkstatt standen. Der Erste, blutverschmiert musste
dringend mal telefonieren. Er benutzte mein Handy aber nicht, um die Cops
oder einen Arzt anzurufen. Nee, echt Berlin, er schrie, via Mannesmann
D2, seine Freundin an, was sie für eine Schlampe sei, und dass er
es seinem, wahrscheinlich Widersacher, so richtig gegeben hätte.
Der Nächste war eigentlich ganz süß, Er brauchte irgend
eine Schraube, 5 x 45, die er sonst nirgendwo bekäme. Wir kürzten
eine auf das von ihm benötigte Maß. Leute, die gebrochen mit
Akzent nach dem Verbleib des vorher hier untergebrachten alevitischen
Kulturvereins fragten, kamen öfter. Bis irgend so ein verpeilter
Junky plötzlich dastand und mich ignorierend, wie ein Leuchtturm
den Raum auf was abgreifbares, abscante. Frei nach dem Motto aus der Sandelkiste:
Ich bin größer wie du, oder ich bin schneller wie du. Seitdem
schloss ich die Ateliertüren hinter mir ab. Das Erste, was ich morgens
brauchte war Tee kochen und die Bude lüften. Dann Radio einschalten.
Deutschlandradio Berlin, die reden noch mit einem. Ich konnte die ganzen
DJ-Radios nicht mehr hören. Fritz und Kiss FM. Vor Jahren lief nur
noch phantasieloser Techno. Das war keine echte musikalische Alternative
zum Motorengeräusch meiner Säulenbohrmaschine, oder meines Bandschleifgerätes.
Es war kurz nach zehn. Zeit für die Buchbesprechung im Radio. Es
ging um die Zahnhygiene Ludwig des fünfzehnten, während ich
anfing an meinen Skulpturen weiter zu arbeiten. Gegen fünf trank
ich die letzte Tasse Tee. Tee hält mich am laufen. Zum Schluss noch
ein Kontrollgang, war der Herd aus, der Wasserkocher, Gasflasche zu? Natürlich
wie immer. Dann Los in Richtung U-Bahn. Der Kotti war rammel voll. Türkische
Händler priesen lauthals die letzten Chargen Gemüse zum Schleuderpreis
an. Der eigentlich breite Bürgersteig wurde zu eng. Vier vermummte,
nicht gerade dünne Frauen ,bahnten sich auf der ganzen Breite ihren
Weg, Wie ein Schneepflug im Gestöber. Allem Anschein nach die besten
Freundinnen. Beim Ausweichen wäre ich fast mit einer militanten Kinderwagen-Schieberin
kollidiert, die in die selbe Richtung pflügte. Es wurde schon dunkel
und zunehmend kälter. Karstadt ist um die Urzeit ein Grauer Bienenstock.
U-Bahn Herrmannplatz die riesige, gekachelte Halle breitet sich jedes
Mal palastartig vor einem aus. Wahrscheinlich der größte O.P.
der Welt. Ganz und gar von oben bis Unten, zweistöckig, gelb, glänzend
gefliest. Die U-7 brachte mich nach Charlottenburg, von da ist es eine
lausige Latscherei zur S- Bahn. Eine Station bis Savigni Platz. Der Bahnhof
wurde, so erweckt es den Anschein, in den Siebzigern von Schülern
künstlerisch gestaltet. Irgend so ne sozio-kulturelle Stadtteilaktion.
Warum musste es ausgerechnet die Bleibtreu Straße sein? All die
schicken Läden. Vor einem der alles hat, was keiner braucht, Salzstreuer
aus Granit, Obstschalen aus Antirutsch-Riffelblechen, stand ein lebensgroßes
Kunststoff Pferd. Ein Hauch von Großstadt verbreitete sich. Bevor
ich die Galerie betrat sondierte ich das Außengelände. Auf
der gegenüberliegenden Straßenseite blieb ich stehn und schaute
hinüber. Weit hinter den erleuchteten Schaufensterscheiben saß
sie, geschäftig, wie eine Feldmaus, die sich die Backen voll stopft.
Zwischen ihr und der Eingangstür breitete sich, von der andern Straßenseite
beurteilt, bunte, nichts sagende Kunst aus. Alles Flachware, keine Skulpturen.
Ich beschloss rein zu gehen. Die Tür schloss sich, der Straßenlärm
verebbte. Trotz heller , kühler Galerieatmosphäre war es mollig
warm. Die vielen Lampen, dachte ich. Zwei, drei Schritte ging ich vor
und schon kam Sie auf mich zu, nicht zu schnell, eher elastisch, behände.
Sie lächelte mich an, blitzende Augen alles an ihr wirkte positiv,
frisch. „Herr Raschke“? Fragte sie immer noch lächelnd.
„Ja, äh, ich hoff, ich bin nicht zu früh“? Oh,
no, man sollte eigentlich nie zu früh kommen, das sieht aus als hätte
man´s irgendwie nötig, oder als hätte man viel zu viel
Zeit. „Ging schneller mit der S-Bahn, als ich gedacht hatte, schickte
ich gleich hinterher“. “Ja schaun sie sich mal um“.
Eindeutig wollte sie jetzt nicht mit mir über die S-Bahn und ihre
Außer-Fahrplanmäßige Unpünktlichkeiten und dadurch
bedingte Verzögerungen diskutieren. „Einen Kaffee“?
„Ja gerne“, sagte ich. Sie verschwand in einer kleinen,
doch ziemlich gestylten Teeküche. Nichts vom OBI, die hatte der Möbelmann
von Hand eingebaut...nicht billig. Ich sah sie von hinten, kurzes Haar,
Bubi, getönt, karierte dreiviertel Hose in diesem Karo, das gerade
alles schmückt, von Handtaschen über Lampenschirme bis zu Brillenetuis.
Darüber eine kurze stark taillierte Bluse, spitzer Kragen, Seventies.
Die Bluse passte weder im, glücklicherweise dezenten Muster, noch
in der blassen Farbe zur Hose. Ich schlenderte durch die Galerie. Das
übergreifende Thema musste wohl Druckgrafik sein. Verschiedene Formate
und Techniken, aber alles in der Art modern., man könnte sagen Jung.
Avantgarde wäre gelobt. An zwei Riesen-Formaten blieb ich hängen.
Udo Krupp hieß der Künstler. Die Arbeiten kannte ich von irgend
woher. Eines Gelb, das Andere Rot. Sparsame Liniatur. Die Farbflächen
breiteten sich über das große Format aus, wie einsame Wüsten.
Irgendwie beeindruckend nichts sagend. Sie kam zurück gestöckelt,
mit halbhohen Schuhen, so eins siebzig, ein Tablett mit Thermoskanne und
Tassen in den Händen. Kanne, Ultramarin, Tassen, preusisch Blau,
Tablett, Kunststoff, Kobaltblau. Sie setzte sich hinter ihren Schreibtisch
mit einer Bewegung, die eigentlich einen kurzen Rock vermuten ließ.
Vermutlich war das ein vorsorglicher Bewegungsablauf für alle Fälle.
Der Computer arbeitete leise weiter, er war noch wach, während sie
Kaffee eingoss. Durch die gläserne Tischplatte schlug sie die Beine
übereinander. Ein Hemdknopf war offen, ein junges Décolleté,
leicht urlaubsgebräunt. Ein BH zeichnete sich ab, weniger durch seine
Farbe, eher durch seine Struktur. Träger, Stege, Bügel. Sie
hätte meine Arbeiten im Weissenhofer-Katalog gesehen, was ich mir
schon halb denken konnte, und sei dadurch auf meine Skulpturen aufmerksam
geworden Die sie sehr schön fände , natürlich. So fängt
man ein Gespräch an. Ich lobte im Gegenzug die Kollegen, vor allem
Bruder Karl, dem ich ja noch was schuldig war.
Ennui
Text zur Ausstellung Das Deutsche Handwerk zeigt Langeweile
The Worlds most boring Artexhibition
Margaret Harvey Gallery, London
Ich saß auf einem Mauervorsprung, den Kopf in die Hände gestützt.
Ich ließ die Beine baumeln. Von hier aus hatte ich die Metrostation
Tolbiac gut im Blick. Wie schon oft, hatte ich zuviel Puffer und „falls
irgendwas schief geht - Überzeiten“ in meine Metrofahrt von
der Cité bis hierher eingerechnet, so dass ich jetzt doch einiges
zu früh in der Avenue d´Italie angekommen war. Durch die mir
meist innewohnende eigene Hektik und die mir fürs Leben aufgestellte,
doofe Behauptung ich sei pünktlich, hatte ich die Fahrzeit so komprimiert,
dass nun eine dem entsprechende Zeitdehnung die Folge war. Bei Startreck
hätte ich jetzt mit dem gekrümmten Raum-Zeitkontinuum zu kämpfen
gehabt, oder wäre einfach durch ein Wurmloch in eine Parallelzeit
entschwunden. Ich saß aber an der Avenue d´Italie auf einem
profanen, für die Jahreszeit zu schattigen Mäuerchen.
Die Menschen die aus den Metroausgängen hinein wie hinaus quollen,
ob Schulkinder Einkaufstaschenfrauen oder Rentner verströmten ein
Gleichmaß an Bewegung, als hätten sie sich in vorausgegangenen
Verhandlungen auf eine gemeinsame Fließgeschwindigkeit geeinigt.
Nur ich hatte mich, schnell die Treppen runter, den Gang entlang, mich
ärgernd über all die Trödler und Wegeblockierer mit ihren
Koffern und Taschen, Kinderwägenbreitmacher, herrenlose Säuglinge
und Rolltreppenherumsteher, überall vorbeigepresst. War das nun ein
echter Zeitgewinn? Nachdenken, oder Leute beobachten hätte ich auch
irgendwo auf geheizten Bahnsteigen könne. Das was gewonnen war, war
lediglich die Sicherheit nicht zu spät zu kommen. Der Preis dafür
war das nun langsam aufsteigende Gefühl der Langeweile und zwei kalte
Arschbacken. An der Metrostation gab es nichts Neues. Nirgendwo in der
sich ständig ballenden und wieder zerstreuenden Menge tauchte Bens
hagere große Gestalt auf. Schrecklich wenn rein gar nichts passiert.
Keine Veräderung. Noch schlimmer, wenn ich gezwungen werde nichts
zu tun. Zeit ist Wandel, nur in der Veränderung sichtbar. Es tat
sich aber nichts wandeln also war da auch keine Zeit die vergehen konnte,
so kam es mir jedenfalls vor. Vielleicht muß man auch an einer Veränderung
aktiv beteiligt sein um sich erst lebendig zu fühlen. Um Zeit an
sich zu spüren. Überspitzt gesagt, solange wir durch unser Ego
Einfluss nehmen auf die Welt und damit an ihrer Formung persönlich
teilhaben. Ich tue ja gerade so als müssten meine Chromosomen auf
jedem Zeitsegment kleben um dort Anderen keinen Platz zu lassen. Das ist
das Bedürfnis, wie die Pest, das Ich, Ich, Ich in das Geschehen zu
werfen, um die eigene Existenz, zumindest aber eine Daseinsberechtigung
zu empfinden. Die Vorstellung, der uns eigene, überaus kreative Schöpfergeist
ergieße sich ganz selbstverständlich in die kollektive gesellschaftliche
Vorwärtsentwicklung ist was für Kulturromantiker. Nichts fließt
von alleine, und wenn dann sicher bergab. Eigentlich wollen wir im Grunde
unseres Herzens nur alles ficken, da ist einfach so rumsitzen sicher das
Falscheste. Langeweile ist existenzbedrohend. Selbstausrottung.
Entspringt dieser Untätigkeit jedoch ein einzigartiger Gedanke genial
und orginär, einer, der uns eine Art geistigen Vorsprungs, etwas
wie Breitschultrigkeit des Intellekts beschert, folgert daraus ein durchaus
fassbarer Partnerbekomm-Vorteil gegenüber den Anderen. Dann hat sich
Langeweile schon gelohnt. Nur just im Moment saß ich da und wurde
mir meiner Langeweile so richtig bewusst. Der alte Freud sagt über
die Melancholie, sie sei Trauer ohne fassbaren Anlass. So muss es sich
auch mit der Langeweile verhalten, nur, dass es keinen Begriff für
Langeweile mit Anlass gibt. Es ist so nebulös wie dieser Zustand
über einen kommt. Es ist wie Denken ohne Überlegung. Ob es den
Leuten wohl früher auch langweilig war?. Nach Kirgegaard schufen
die Götter die Menschen nur aus Langeweile. Als Gott die Erde endlich
fertig hatte war´s auch ihm gähn langweilig, da schuf er Adam.
Adam langweilte sich fast zu Tode, da macht Gott Eva. Die Beiden fanden
im Paradies keine Zeitvertreib mehr, so musste der Apfel her. Als dann
Adam Eva langweilte nahm sie sich nen Latin -Lover und Adam zahlt Alimente
bis ans Lebensende. Sellerie.
Ben kam immer noch nicht, aber es war zu früh und noch vor unserem
verabredeten Zeitpunkt. Ich hätte ja noch ne kleine Zeichnung machen
können, oder die Handwäsche inklusive aufhängen. Ich hasste
es ineffektiv, uneffizient zu sein. Zeit vertun, als würde das Leben
ewig währen. Das Lückenhafte, das Unorganisierte lässt
viel zu viel Zufälliges und Unvorhergesehenes ins Leben dringen.
Ich bin kein Krisenmanager. Schlimm genug wenn eine Situation wie diese
eintritt. Die Zeit weist Leerstellen auf. Was tun wenn mir gerade jetzt
nichts gescheites einfällt, bleibt da nur Langeweile? Situative Langeweile
wie die Philosophen sagen. Doch die Philosophie kennt da was noch weitaus
furchtbareres. Die existenzielle Langeweile. Schrecklich, nichts mit sich
anfangen zu könne, nicht dies nicht das, nicht hü noch hot.
Da wird keine verdiente Auszeit genossen. Da dreht sich Seele und Geist
in absoluter Entscheidungslosigkeit. Für die katholische Kirche ist
die Trägheit eine Todsünde, was aber irgendwo voraussetzt, dass
man diese Sünde auch begeht, also aktiv träge ist, um sündig
zu sein. Man kann sich wohl kaum willentlich langweilen. Wenn Ben jetzt
nicht bald kommt werde ich mich aber böswillig langweilen. Es ist
zum kotzen hier so hämorrhoidial rumzusitzen. Mir fehlt ein Zeitvertreib.
Etwas um die Zeit zu vertreiben die jetzt gerade als zuviel ,als überschüssig
ganz deutlich war. Jahrhunderte hat man gekämpft für geregelte
und kürzere Arbeitszeiten. Einhaltung von Wochenend- und Feiertagsruhe,
zuletzt für die fünfunddreißig -Stundenwoche. Jetzt haben
wir Freizeit, die wir freiwillig vertreiben können. Eine Zeitbelohnung
mit guter Zeit für die Acht Stunden schlechter Arbeits-Zeit . Mit
Zeit und Geld wird nicht die Arbeit entlohnt, sondern der in einer Freizeitgesellschaft
erlittene Zustand von Nicht-Freizeit und was schwerer wiegt in einer demokratisierten
Selbstbestimmungs- und Selbstverwirklichungs -Gesellschaft das ertragen
von Fremdbestimmung. Abends wenn wir selbstbestimmt unsere Freizeit vertreiben
tun wir das meist mit Hilfe eines kleinen Kathodenstrahlgerätes.
Sehr hilfreich, und der Wahl zwischen dreißig oder mehr Programmen,
sind wir als geübte Demokraten gewachsen. Die Entscheidung darüber,
so schwer sie auch scheinen mag, sicherlich selbstbestimmt, dient also
auf eine gewisse Art der Selbstverwirklichung.
Der Umgang mit Zeit wurde doch erst so kompliziert, als der alte Freud
in Wien die Psyche erfand. Plötzlich hatten wir individuelle Anlagen,gut
oder schlecht, die es zu bekämpfen, oder zu verwirklichen galt. Wurden
über Tags die Veranlagungen zum Links ausscheren und weiter Vorn,
Rechts wieder dazwischen zu drängen im Verkehr oder der Firma ausgelebt,
so muss Abends die Veranlagung zur Fettleibigkeit mit Squash und Fitness
aller Art ,hartnäckig bekämpft werden. Die Feierabendsverwirklicher
werden erst nach der eigentlichen Arbeit wach. Sie verschwinden nach einem
wortkargen Mahl im Kreis der Familie, lautlos in einen liebevoll hergerichteten
Hobbykeller vergraben die Gesichter in dicken Folianten, oder ordnen die
Ergebnisse ihrer langjährigen akribischen Sammelleidenschaft immer
wieder aufs Neue. Bevor Langeweile aufkommt, werden zum Schutz davor Projekte
in Angriff genommen, wie der Kölner-Dom aus Streichhölzern im
Maßstab 1:100. Vogelstimmen einheimischer Finkenarten lassen sich
genauso sammeln wie preußische Offiziersuniform-Knöpfe des
ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts. Doch um der Langeweile zu entkommen
werden durchaus nützliche Vereine gegründet. Hilfsorganisationen
zum Beispiel. Sport- und Karnevals-Vereine. Bürgerwehren, Parteien.
Ben kam immer noch nicht. Eigentlich hatten wir uns verabredet um einem
Fleischer zuzuschauen, Wir wollten die Avenue de Choisy runter schlendern
um dann bei Tang-Fréres in das Gewühle des größten
Chinesischen Supermarktes einzutauchen.
Ich hatte ihn schon letzte Woche entdeckt diesen Metzger, der hinter einer
Glastheke, in sauberem weißen Schurz, weiße, zylindrische
Kappe auf dem Kopf, Hühner zerhackte. Er tat dies mit der immer gleichen
schwungholenden akrobatischen Hand und Armbewegung. Zack Zack die Flügel.
Wupp, Wupp die Beine und mit einem weiterausholendem Tschack teilte er
den Körper in zwei Hälften. Unerwartet schnell verteilte er
dann die einzelnen Gliedmaßen auf drei Häufen hinter der Glasscheibe.
Er tat das so flink, als wäre dies eine unangenehme Nebenbeschäftigung
,die ihn von seiner eigentlichen Profession, dem Hühnerteilen abhielt.
Das Hühnerhacken wurde zelebriert. Der junge Gehilfe, der ständig
von der rechten Seite Hühnerleiber zuführte wurde von ihm wohlwollend
mit freundlichem Nicken gutiert. In dem Maß wie der Gehilfe die
nackten Vögel rechts aufbahrte schmolzen die Stapel ihrer Einzelteile
auf der Linken durch kauffreudige Chinesinnen mit wohlwollenden Gesten,
ab. Es erschien mir als wäre in diesem Gleichmaß der Tätigkeit
und dem eingespielten Ablauf, Tag für Tag und Jahr für Jahr,
eine noch nie vorher gesehene Harmonie von Mensch und Zeit. Das wollte
ich diesmal Ben zeigen, so wie er mir schon oft Plätze und Geschehnisse
im Bauch von Paris offenbart hatte, die ich nicht hätte missen wollen.
Ich stellte mir vor was Herr Tschang oder Fu, oder wie auch immer nach
Feierabend so machte. Ob er auf die gleiche Weise, am Küchentisch
Karotten und Salatgurken fünf-teilte? Ob er mit der gleichen Routine,
zwei Rechts, zwei Links, ein auf die Mitte, seine ungezogenen Kinder bestrafte?
Ob er mit der selben Regelmäßigkeit Sex hatte? Regelmäßiger
Sex klingt ja gut, doch gerade da wird uns das Regelmäßige
bei aller Qualität und vielleicht immer wieder neuen Einzigartigkeit,
langweilig. Begierde schreit nicht nach Regelmäßigkeit sondern
nach der nächsten unbekannten Ekstase. Komischerweise verlassen Männer
oft den guten eingespielten Sex mit der Frau oder Freundin und begeben
sich in das Risiko, keinen hoch zu kriegen oder sich das Gießkännchen
nachhaltig zu verbiegen nur für eine neue, unbekannte Glücksoption,
nur weil sie sich für den Super-Lover halten. Was wir alles aufbieten,
um die Langeweile zu umgehen. Was ist daran nur so entsetzlich?
Wo bleibt nur Ben, wenn er jetzt nicht auftaucht, fange ich an über
mich nachzudenken. Gerade das will ich eigentlich nicht. Da bekomm ich
meistens die Krise. Das ist an der Langeweile wirklich das entsetzlichste.
Da tauchte Bens hoch gewachsene Gestalt in all den wuselnden dunklen Aktentaschen-Franzosen
auf. Scheiße und super pünktlich wie immer. Nur ich hatte ein
so schlechtes Timeing
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