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DR. STEFANIE DATHE
Sachgemäß
Thomas Raschke ist notorischer Universalist. Geduldig und ausdauernd lötet,
klebt, schnei-det, biegt und bastelt er Flugzeuge, Luftschiffe, Raketen,
U-Boot und Panzer, Gelddruckma-schine, Traktor, Renn- und Polizeiauto,
Bohrinsel und Kirche, Burgen, Wohnzimmer und Topfpflanzen und Devotionalien,
Radio, Tauchsieder, Waschmaschine, Kühlschrank und Staubsauger, Tische,
Stühle, Lampen und vieles mehr. Das ganze Universum der Gegen-ständlichkeit
dient ihm als motivisches Reservoir und unerschöpfliche Inspirationsquelle
zur Entwicklung seiner wand- und raumbezogenen Groß- und Kleinobjekte.
Grenzenlos er-scheint auch die eingesetzte Materialvielfalt: Natürliche
und synthetische Rohstoffe, Pappe, Pappmaché, Gips, Beton und Gummi,
Styrodur und Styrofoam, Eisendraht, Aluminium, Stahl, Holz, Keramik, Papier
und Wachs kennzeichnen einen künstlerischen Schaffenspro-zess, der
die traditionellen Grundsätze der Bildhauerei aus den Angeln hebt,
der sich jeglicher hehren Materialgerechtigkeit und ethik entledigt,
der den Werkstoff von Anschauungs-normen befreit und als Mittel zum Zweck
erklärt, um zugleich die Regeln der Produktion und das Abbildens
zu untersuchen.
Im experimentellen Ausdruck spielt die Frage nach dem beständigen
und kostbaren Material keine Rolle mehr. Thomas Raschke bemächtigt
sich in scheinbar spielerischer Beliebigkeit einem ganzen Arsenal willfähriger
Produkte der Wegwerf- und Verpackungsindustrie, die sich seiner gestalterischen
Schaffenskraft leichtläufig unterordnen. Die minderwertigen Billig-stoffe
der Massenkultur werden hier nicht zum Feindbild eines engagierten Ästheten;
ihre Tendenz zu Vergänglichkeit und Anonymität wird nicht zur
Charakterlosigkeit und zum bild-hauerischen Sündenfall ernannt. Im
Gegenteil, gezielt nutzt der Künstler die spezifischen Ausdruckswerte,
die haptischen und optischen Qualitäten der Materialien zur Konstruktion
unverwechselbarer Objekte, die über sich selbst und das Handwerkliche
hinausweisen und die unterschiedlichsten Empfindungen am sinnlich-geistigen
Horizont entwickeln. Thomas Raschke löst die Stoffe aus der Banalität
ihres funktionalen Systems und erklärt sie zu Ver-bündeten in
einer Kunst, welche die der industriellen Produktionsweise innewohnende
Logik völlig namenloser Serienfertigung konterkariert.
Heute wird jeder Gegenstand unter dem Aspekt seiner Reproduzierbarkeit
gedacht und ent-worfen. Wichtiger als der unmittelbare Gebrauchswert erscheint
die kostengünstige Effektivität des Produktes, seine rasche
und permanente Wiederholbarkeit. Thomas Raschkes In-neneinrichtungen,
seine Flug- und Fahrzeuge sind weder rasch noch überhaupt wiederholbare
Unikate. Pappe, Hartschaum oder Eisendraht nehmen den Bombern, Sportflitzern
und Möbelstücken ihre physikalische Schwere und verwandeln sie
in leichte, transportable Proto-typen aus einer Welt der Miniaturen, welche
das kindliche Vergnügen am unbeschwerten Spiel heraufbeschwört.
Es sind artifizielle Konstrukte, hybride Versuchsobjekte und Attrap-pen,
mit denen der Künstler die Verunsicherung im Übergang vom wirklichen
Raum in den imaginativ-fiktionalen Raum der plastischen Modelle erprobt.
Vordergründig erscheinen die körperlosen Drahtgebilde und unbemannten,
fahruntüchtigen Fortbewegungsmittel als Ma-quetten oder spleenige
Tüfteleien eines Hobbybastlers. Herausgerissen aus ihrem instru-mentalen
Kontext und hineingestellt in die hermetische Abgeschiedenheit des musealen
Raumes, offenbaren sie trotz aller strukturellen Analogien mit der Gegenständlichkeit
ihre künstlerische Autonomie. Als zweckfreie ästhetische Ideengebilde,
als Modelle zwischen räumlicher Zeichnung, Spielzeug und Identifikationsobjekt
befragen sie die Abbildfunktion von Skulptur und die Konditionierung unserer
Wahrnehmung.
Im Zeitalter der virtual reality hat sich die mimetische, nachahmende
Illusion zur Simulation und zum Weltersatz gesteigert. Schon vor zwanzig
Jahren hat Jean Baudrillard das Ende einer Kunst vorhergesagt, die sich
im Namen neuer Medientechnologien dem Willen zur Identität mit der
Wirklichkeit unterwirft .Auch, wenn sich seine Prognose nicht bewahrheitet
hat, untersuchen die Künstler der Zweiten Moderne, welche Strategien
die Gegenwarts-kunst entwickeln muss, um ihre lähmend gewordenen
Praktiken zu unterlaufen.
Thomas Raschke wirbt für eine „Ästhetik der Verführung“
, für ein bewusstes Propagieren des Scheins. Ihn interessiert das
Wechselverhältnis von Realität und Fiktion, Gegenständ-lichkeit
und Abstraktion, nicht die gattungsgerechte Trennung von angewandter und
bilden-der Kunst. „Mehr Schaumschneider als Bildhauer, hält
er vor allem ein ironisches Plädoyer der Enthaltsamkeit gegenüber
den Trendmedien... .“ Seine Modell- und Drahtbaukunst simuliert
nutzbringende Verwendbarkeit. Doch aller abbildhaften Gegenständlichkeit
zum Trotz folgt die Dramaturgie der Inszenierung stets den Regeln der
Phantasie.
Wo Marcel Duchamps den seriellen Gebrauchsgegenstand als deklariertes
Ready-made zum interesselosen Kunstwerk erhebt, da bekennt sich Thomas
Raschke zu einer neuen Handwerklichkeit, zum konstruierten Ready-made
mit autobiographischer Note. Seine Kunst entwickelt sich aus Ge- und Erfundenem.
Durch die materielle, formale und proportionale Verfremdung nimmt Thomas
Raschke den niederen Dingen der Alltagskultur ihre vertraute Tatsächlichkeit.
Er will sie als mehrdeutig zeitkritische, ironisch humorvolle und dadaistisch
karikierende Zeichen verstanden wissen, deren Spielwarencharakter sachliche
Distanz ga-rantiert und deren erzählerische Inhalte über die
Gebrauchsdeutung hinaus überraschend affektive und absurde Dimensionen
eröffnen. So zeigt „Meine erste kleine Videoarbeit“
kein filmisches Material, sondern ein aus Isolierschaum geschnitztes Mini-Interieur
mit Stuhlrei-hen und Fernseher. „Essen auf Rädern“
serviert Thomas Raschke als Brotlaib auf den Rad-achsen eines Skateboards.
Und die „wire frames“ , diese maßstabsgetreuen Umrißzeich-nungen
aus Eisendraht, greifen auf irritierende Weise die Netzstruktur computergenerierter
Zeichnungen auf. Die virtuelle Rotation am Bildschirm, welche jenen Gitterstrukturen
erst zur dreidimensionalen Erscheinung verhilft, wird hier von der Bewegung
des Betrachters über-nommen, dem die Aufgabe zufällt, in der
räumlichen Begehung die Objekte ins Plastische zu übersetzen.
Im Ausstellungskontext werden Thomas Raschkes Versuchsobjekte zu Kristallen
ineinander-fließender Erinnerungsströme. Erlebnisse, Tagträume
und Lebensgefühle aus den Vorstel-lungsräumen von Produzent
und Rezipient, von Kind und Erwachsenem verdichten sich zu einem assoziationsreichen
Beziehungsgeflecht aus Kunst, Kitsch, Souvenir und Spielzeug. Erinnerung
wird hier zum Schlüssel von Identität - einer Identität,
die sich auch über Alltags-maschinen wie das Automobil definiert.
Für uns ist das Kraftfahrzeug eine quasi-natürliche Umgebungstatsache,
die uns Nutzen, Vergnügen und Frust bereitet, „... die von
intensiven individuellen und kollektiven Gefühlen begleitet wird,...
nicht von Rationalität und Pragmatismus... .“ Es sind die
Paradoxien und Ambivalenzen in unserem mythischen Verhältnis zum
rasenden Körper mit Motor und Rä-dern, an die Thomas Raschkes
Kunst anknüpft. Aus Pappe, Beton oder Lebensmitteln ge-baut, vereiteln
seine Prototypen die Illusion von Geschwindigkeit in einem stromlinienförmigen,
hochglanzpolierten Kraftapparat, welcher die menschliche Eigenbeweglichkeit
zwar multipliziert, die Mobilitätswünsche unserer Gesellschaft
jedoch nicht uneingeschränkt erfüllen kann.
DR. RALF CHRISTOFORI
Mr. Bessières, lieber Thomas Raschke, meine Damen und Herren,
mir wurde die Aufgabe übertragen, ein paar Gedanken zu dieser Ausstellung
zu äußern, Gedanken, die Ihnen plausibel erscheinen sollen
- nicht, was die Gedanken für sich anbelangt, sondern natürlich
die Kunst des Thomas Raschke. Raschke, die meisten von Ihnen werden es
wissen, gehört zum Kern der Künstlergruppe "Das Deutsche
Handwerk", zu den Köpfen eines kreativen Gefüges, das ebenso
ernsthaft und eloquent wie zynisch-ironisch jenen Mythen nachspürt,
die Kunst und Leben gleichermaßen bereithalten. Es sind Mythen,
denen man als Außenstehender nicht über den Weg trauen sollte,
denen man als Betrachter mißtrauen, als Denker skeptisch begegnen
muß. Daß diese Mythen von Kunst und Leben einer eigenen Logik
folgen, wissen wir spätestens seit Roland Barthes. In einem großartigen
Buch, das in der deutschen Übersetzung "Mythen des Alltags"
heißt, hat der Franzose den Mythos als ein eigenes semiologisches
System beschrieben: als das Mißverständnis einer "falschen
Augenscheinlichkeit", wie es Barthes beschreibt, das verführt,
vereinfacht, Sachverhalte behauptet, Bedeutungen unterläuft, Gegenstände
adelt. Oder schlimmer noch: Der Mythos macht sich die zum Einfachen tendierende
Anschauungs- und Denkungsart des Menschen zu nutze. Das hat zur Folge,
daß wir, sobald wir dem Mythos glauben, ihm schon auf den Leim gegangen
sind.
In diesem Sinne also: "Vorsicht vor dem 'Deutschen Handwerk'! Und
Vorsicht vor Raschke als Solisten!" - mahnt der Einführungsredner
und zieht den erhobenen Zeigefinger gleich wieder zurück, denn er
weiß, daß er sich nur lächerlich macht, weil er nur einen
weiteren Mythos zu etablieren droht. Während der Künstler schmunzelt
- zynisch-ironisch, ernsthaft und eloquent - schwitzt der Redner, um Worte
ringend, wie sich das, was Sie hier sehen, angemessen beschreiben ließe.
Zum Beispiel: Ich sage Ihnen, daß Sie eine Ansammlung von Haushaltsgegenständen
aufgereiht sehen, Waschmaschine und Wäschetrockner, Eimer und Schnellkochtopf,
einen Spültisch und eine Neonlampe usw. Umgekehrt aber sehen Sie
diese Dinge natürlich nicht. Sie sehen lediglich eine Hülle
oder einen Umriß, eine - wie es Architekten und andere Entwerfer
sagen würden - Axonometrie der Waschmaschine vor der weißen
Wand. Daß Sie glauben, diese Dinge als solche identifizieren und
benennen zu können, hat in erster Linie mit Ihren eigenen Mythen
zu tun, die Sie mit hierherbringen, dankbar abrufen und an den Gegenständen
erfolgreich verifizieren. Das ist die Falle des Mythos: reintappen, zuschnappen
- und dann versuchen Sie mal, da wieder rauszukommen ...
Natürlich können Sie diese Mythen nicht einfach hier an der
Garderobe abgeben, und es dürfte auch nichts bringen, den berühmten
Satz zu beherzigen: "Jetzt stellen wir uns alle mal janz domm".
Vielleicht aber gelingt der ernsthafte Versuch, sich gewissermaßen
über ganz ernsthafte und ehrliche Kategorien von hinten an die Arbeit
Thomas Raschkes heranzuschleichen, also gewissermaßen an der Falle
des Mythos vorbei, ihre Logik durchschaut, bevor sie überhaupt zuschnappen
kann. Die ehrlichen Kategorien sollen sein: die verschiedenen Seinszustände,
die Thomas Raschkes Arbeit generell und hier in der Ausstellung durchläuft.
Und zwar zwei-, drei- und vierdimensional. Hier die Fläche, da der
Raum, dort die Zeit. Ich werde versuchen, stets alle Dimensionen im Blick
zu behalten, denn bei Raschke geht man immer einer der Dimensionen auf
den Leim, sobald man die anderen aus dem Auge zu verlieren droht. Auch
das eine List des Mythos.
Also zunächst a) die zweidimensionale Fläche. An den Fensterwänden
hier rechts und in der Apsis vorne sehen Sie einige Zeichnungen, schwarze
Linien auf weißem Blatt, es sind Zeichnungen von Gegenständen,
deren Gestalt sich auf Umrisse beschränkt. Entscheidend, so schreibt
der Künstler, sei für ihn die folgende Frage: "Wie viel
Zeichnung ist nötig, um alle Kanten eines Gegenstandes im Raum zu
manifestieren? Und wie viel Linie ist zusätzlich nötig, um die
Richtungen gekrümmter Flächen eindeutig zu beschreiben?"
Genau besehen ist dies eine Frage der darstellenden Geometrie. Das "wie
viel" an Zeichnung und Linie ließe sich sicher errechnen oder
über ein CAD-Programm austüfteln. Für Raschke aber resultiert
das Ergebnis aus einer versuchsweisen Annäherung, aus einer Wiedererkennung,
die sich nach und nach einstellt, sich ausdifferenziert - solange, bis
die Tischbohrmaschine, das Schweißgerät oder eine komplette
Werkstatt plastisch Gestalt annimmt.
Wohlgemerkt, wir sind noch immer bei der Zeichnung, also in der zweidimensionalen
Fläche. Aber diese Zeichnungen entführen uns automatisch - oder
eher symptomatisch - in den Raum, dorthin, wo wir die Gegenstände
wiederkennen, wo sie uns vertraut sind. Wie viel Zeichnung nötig
ist, um dem Raum in der Fläche seine spezifische Kontur zu geben
- diese Frage ist also, wenn man die Zeit als eine vierte Dimension anerkennt
- eine Frage nach der Henne und dem Ei: Ideell und chronologisch fragt
sie nach den Parametern der Wiedererkennung: Was war zuerst? Erkennen
wir den gezeichneten Gegenstand als einen dreidimensionalen wieder, weil
er ein Minimum jener Anforderungen erfüllt, die Raschke formuliert
hat? Oder erfüllt der gezeichnete Gegenstand jenes Minimum an Anforderungen,
weil wir ihn fast schon bedingungslos als solchen wiedererkennen wollen?
Das klingt ungemein tautologisch, entspricht aber durchaus der verzwickten
Logik des Mythos. Natürlich nur, wenn Sie mir glauben.
Wenn ja, dann also b) der dreidimensionale Raum. Der Schritt vom zwei-
zum dreidimensionalen Raum erfolgt bei Raschke nicht so, wie sie vielleicht
denken. Denn die Zeichnungen, die sie hier sehen, sind allesamt nach den
dreidimensionalen Objekten entstanden. Sie sind also keineswegs Entwürfe,
sondern vielmehr dokumentieren sie nachträglich so etwas wie eine
ideale Perspektive des jeweiligen Prototypen. Die Prototypen selbst sind
aus Draht, Thomas Raschke bezeichnet sie als "wire frames",
es sind Zeichnungen im Raum, Linien, die sich - je nach Betrachterstandpunkt
oder Bewegungsrichtung - überschneiden, bündeln, sich gegenseitig
zum Verschwinden bringen. Wenn Sie sich einem einzelnen Objekt zuwenden,
werden sie merken, daß Sie sich keineswegs nur an der Zeichnung
oder Hülle festhalten und entlang hangeln. Raschke spricht von der
Möglichkeit einer "visuellen Durchdringung", die nur dann
funktioniert, wenn sie in allen Details stimmt. Und die Details stimmen,
sind wunderbar gearbeitet - nicht umsonst ist der Künstler Handwerker.
Sie führen unweigerlich dazu, daß Sie als Betrachter nicht
nur die Gestalt der Gegenstände nachvollziehen, sondern stets auch
deren Funktion antizipieren oder rekonstruieren.
Dieser Wäschetrockner könnte in Ihrer Vorstellung funktionieren,
Wäsche aufnehmen, Wasser aussaugen, abpumpen; den Tauchsieder scheinen
Sie einfach nur an die Stromversorgung anschließen zu müssen,
ebenso das alte Röhrenradio. Die Pflanze in dem Kübel braucht
nur ein wenig mehr Licht, und es wäre ein Leichtes, aus der Platte
und den Böcken einen Arbeitstisch zu kreieren. Sie stellen sich das
vor und kreieren ihren eigenen Mythos, den Sie benutzen, gebrauchen, verwerfen
können. Oder nach Gebrauch wegwerfen. Wenn Sie der Einladung zu dieser
Eröffnung gefolgt sind, so konnten Sie dem Ausstellungstitel bereits
entnehmen, daß es in Thomas Raschkes jüngster Installation
genau darum geht: um das Wegwerfen oder den Mythos des "Sperrmülls".
Darum und abschließend c) die vierte Dimension, die Zeit. Denn die
Anordnung seiner "wire frames" hier im Institut Français
ist nicht nur eine Frage des Raumes, sondern mehr noch eine der Zeit.
Wenn wir uns erinnern, so tragen die Zeichnungen die Züge eines Entwurfes
- was nicht stimmt. Seine Objekte erscheinen wie Prototypen von Produkten,
die anschließend in Serie gehen - was ebenso wenig zutrifft, wie
die Vorsehung, die Geräte könnten tatsächlich einmal funktionieren.
Hier, an dieser Wand aufgereiht, auf dem Boden, kreuz und quer, angelehnt,
ineinandergeschachtelt gewinnen die "wire frames" Thomas Raschkes
eine ganz andere zeitliche Dimension und Wertigkeit. Es ist Sperrmüll.
Die Dinge haben bereits ausgedient. Entsorgt, die Pflanze in dem Kübel,
ausgedient der Wäschetrockner, der Arbeitstisch nicht mehr zu bebrauchen,
das Röhrenradio wahrscheinlich ausgebrannt.
Das ist ein Kunstgriff, natürlich. Ein bedeutender aber und meines
Erachtens absolut großartiger, mit dem Thomas Raschke den verschiedenen
Dimensionen seiner Arbeit eine neue Dimension abgewinnt. Fest entschlossen,
den Mythos von Kunst und Leben in Bewegung zu halten, appelliert er an
unsere Aufmerksamkeit, unsere Skepsis und unser Mißtrauen. In diesem
Sinne nochmals - aber ohne erhobenen Zeigefinger: "Vorsicht vor dem
"Deutschen Handwerk"! Und Vorsicht vor Raschke als Solisten!"
DIETER BRUNNER
Zwischen Küche und Werkstatt
Zu den Drahtskulpturen von Thomas K. Raschke
"In einer schönen Zeichnung pulsiert die Linie wie eine Seele
vor lauter Unentschlossenheiten, Sicherheiten und gewollten Täuschungen."
Fausto Melotti
Ein Silberschmied durfte Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts
für Picasso nach dessen Zeichnungen sechs Eisenplastiken ausführen.
Danach hat der Silberschmied Feuer an der Kunst gefangen: Bescheiden fragte
er den großen Meister, für den die Arbeit an diesen sechs Plastiken
nur ein kurzes Intermezzo war, ob er an der Skulptur überhaupt und
an diesem Thema weiterarbeiten dürfe. Der Jahrhundertkünstler
bestärkte ihn und wurde so zum Katalysator für eine Entwicklung
in der Skulptur, die für die moderne Skulptur bestimmend werden sollte.
Er überließ diese Goldmine dem Kunsthandwerker, der seinerseits
zum Jahrhundertbildhauer, zum Pionier der Raumzeichnung und der Eisenplastik
werden sollte: Julio González.
Sieben Jahrzehnte später ist die Arbeit mit dem Eisen und mit der
Zeichnung im Raum immer noch aktuell, freilich unter ganz anderen Vorzeichen:
Die Arbeit damit ist selbstverständlich geworden. Künstler unserer
Zeit kennen die Entwicklung; deshalb wird der Spielraum für die Zeitgenossen
gerade in diesem Bereich immer enger. Auch Thomas K. Raschke war Silberschmied,
bevor er begann, mit Eisen zu arbeiten und den Eisendraht als Synonym
für die Linie im Raum zu nehmen. Er konnte Picasso nicht fragen,
ob er Kunst machen solle oder dürfe, er hat sich schlicht nach einer
kurzen Tätigkeit in seinem Kunsthandwerk dafür entschieden.
Für seine filigranen dreidimensionalen Metallkonstruktionen benutzt
Raschke fast ausschließlich Drähte in einer Dicke von drei
bis vier Millimetern die er miteinander verlötet. Die Arbeit mit
Draht ist in der Kunstgeschichte nicht neu. Sie entwickelte sich Anfang
des 20. Jahrhunderts, als in Europa kubistische, konstruktivistische,
dadaistische und surrealistische Tendenzen die Kunstszene bestimmten.
Die neue, vom Kubismus geschulte Art des Sehens, bedingte auch einen radikalen
Wandel in der Plastik. Die Künstler entfernten sich von der körperhaften
Kernplastik und definierten die Plastik neu als vielansichtigen, aus Flächen
und Streben zusammengesetzten Körper.
Parallel zu den Entwicklungen der Ingenieurbaukunst forderten auch die
Künstler, die Skulptur von der Masse zu befreien - allen voran Antoine
Pevsner und sein Bruder Naum Neemia Pevsner (genannt Naum Gabo) 1920 in
ihrem "Realistischen Manifest". Vor allem industrielle Halbfertigprodukte,
wie Bleche und Stäbe aus Metall, erschienen ihnen als ideale Werkstoffe.
Antoine Pevsner entwickelte in den dreißiger Jahren dynamisch gekurvte
Flächen aus aneinandergelöteten Messingstäben, um - wie
er im "Realistischen Manifest" betonte, Raum und Licht in die
Plastik zu integrieren. Naum Gabo konstruierte 1920 mit einem durch einen
Elektromotor in Schwingung versetzten Metallstab gar die erste motorbetriebene
kinetische Skulptur.
Raschkes Skulpturen aus Draht nehmen eine merkwürdige Zwischenposition
von Abstraktion und Gegenständlichkeit - an sich eigentlich nichts
Ungewöhnliches - ein: Zusammenhänge werden auf Strukturen reduziert.
Raschke geht von einem realen Objekt aus - Küchentisch, Werkbank,
Tauchsieder etc. misst es aus und überträgt die Maße 1:1
auf den Eisendraht. Dargestellt ist in diesen Objekten vor allem die Außenform,
die einfachste Form gegenständlicher Beschreibung.
Die Linie definiert in der Regel den Umriss der Motive; in verschiedenste
Richtungen wird die Linie zum Ausschnitt aus der Wirklichkeit genutzt.
Wie bei der Computertomografie ergeben diese einzelnen Segmente ein additives
Gesamtbild. Dieses Abbild erinnert an virtuelle Welten, an Simulationen
des Computers. Der Künstler nennt seine plastischen Zeichnungen deshalb
auch wire frames, da ihre Netzstruktur computergenerierten dreidimensionalen
Zeichnungen entlehnt ist. Virtuelle Rotation macht diese Gitterstrukturen
zu plastischen Gebilden; bei Raschke hingegen übernimmt es der Betrachter,
der um die Objekte herumgeht und sie ins Plastische übersetzt.
Die Installationen Raschkes lesen sich wie ein großes Kompendium
der Linie: vor allem als Umriss, aber auch als Bewegungsspur, als Schraffur,
als Strukturelement. Linien in all ihren Möglichkeiten. Raschke muss
sich bei der Übersetzung realer Gegenstände immer wieder aufs
Neue entscheiden, welche Linien er herausgreift und welche wer weglässt.
Nachvollziehbar ist dies noch bei konstruktiven Teilen wie beispielsweise
der Lampe, wo er sich weitgehend am Gerippe des Lampenschirms orientieren
kann. Weitaus weniger Anhaltspunkte hat er sicherlich bei organischen
Gebilden wie der Kartoffel oder beim Teddybär, bei denen er den Gegenstand
von mehreren Seiten aufreißen muss. Liniengerüste formieren
sich so zu skelettierten Gegenständen: Linien be- und umschreiben
Gegenstände, denen die Substanz, das Fleisch zu fehlen scheint. Reduziert
ist die Masse, das Volumen der Gegenstände und die eigentliche Präsenz.
Und damit ist den Objekten auch die Sinnlichkeit des Materials, des Plastischen
gemeinhin, genommen. Sie haben einen hohen Grad an Immaterialität
erreicht.
Die Bündelung von Linien erinnert an die Schraffurtechnik in der
Zeichnung; immer wieder wird der Betrachter auf die Ebene zweidimensionaler
Gestaltung zurückgeworfen. Bei Raschkes Objekten gibt es Stellen,
in denen die Linien sehr weit voneinander entfernt sind, und andere, in
denen sie sich verdichten. Mit Linien werden in der skizzenhaften Zeichnung
traditionellerweise Gegenstände umkreist. Erinnert sei beispielsweise
an die Zeichnungen und Gemälde eines Alberto Giacometti. Mit Linien
versuchte sich dieser Künstler, dem Gegenstand zu nähern, ohne
ihn jemals zu erreichen, und auch der Betrachter bleibt auf Distanz. Erinnert
sei aber auch an die spezielle Technik bei Druckverfahren, bei denen die
Linie die übliche Form des Punktrasters ersetzt: Diese Technik erzeugt
eine Unschärfe. Durch die oftmals parallele Struktur der Linien bei
den Objekten von Thomas K. Raschke geschieht dies im übertragenen
Sinne auch in den im Blickfeld liegenden Ausschnitten seiner Beschreibungen.
Mit der linearen Metallskulptur verbinden sich einerseits Immaterialität
durch das hohe Maß an Transparenz und andererseits Bewegung über
die rhythmisierte Raumspannung. Hingewiesen sei deshalb auch auf die Verwandtschaft
mit einer Form kinetischer Kunst: Ähnlich wie bei der Op-Art ist
auch bei den Installationen von Raschke die Veränderung der Objekte
durch die Bewegung des Betrachters in fast schon irritierender Weise erfahrbar.
Die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts viel beschworene Mehransichtigkeit
von Skulptur erfährt bei Raschke geradezu eine wenn auch ganz anders
gemeinte Steigerung: Die plastische Situation verändert sich für
den Betrachter ständig durch immer neue Überschneidungen.
Bei den Objekten selbst fällt hingegen die eingeschränkte Beweglichkeit
auf; ihre Mobilität ist nur marginaler Natur. An manchen Stellen
greifen die Gelenkpunkte ineinander und sind scharnierartig beweglich.
So könnten beispielsweise die Räder der Maschinen und des Spielzeugs
fahren, auch wenn sie dafür nicht gedacht und gemacht sind. An anderen
Stellen wiederum verzichtet Raschke gar ganz auf Beweglichkeit und lässt
die Gelenkpunkte starr.
Die Situationen scheinen wie mit einer bestimmten Kamera eingefangen;
die technisch höchst komplexe Holografie beispielsweise bietet im
dreidimensionalen Bereich die Möglichkeit einer solchen Wiedergabe.
Raschkes gewählte Technik mit den die Außenform - die Gegenstandsgrenze
- konstituierenden Drähten ist also nicht so sehr Selbstzweck, sie
bietet dem Künstler vielmehr eine bestimmte Sicht der Dinge wie beispielsweise
der pastose Farbauftrag in der Ölmalerei. Sie ist sicherlich eine
beschränkte Sonderform, die nicht alle Möglichkeiten zulässt,
entspricht also beispielsweise im skulpturalen Bereich eher solchen Techniken
wie dem Häkeln mit Wolle oder der additiven Montage mit Eisenblech.
Die Hauptmerkmale von Raschkes Sicht der Dinge sind die Künstlichkeit
und der Verzicht auf Emotion.
Alle Gegenstände werden im Verhältnis 1:1 wiedergegeben, alles
wird gleich gesehen - ohne wertende Unterscheidung. Auf Raschke kann man
ein Zitat, das einmal über Claude Monet gemacht wurde, übertragen:
"Er ist nur ein Auge, aber was für ein Auge!" Präzise
bilden die Linien in Raschkes Skulpturen die Realität ab; im Gleichklang
der Gegenstände ist ihnen ihre Emotionalität abhanden gekommen.
Gerade deshalb war die Realitätsübersetzung von 1:1 in der Kunst
lange Zeit verpönt; sie galt als langweilig.
Sie ist heute vor allem im anglo-amerikanischen Bereich zuhause und dient
häufig der täuschenden Imitation; dieses Übertragungungsverhältnis
ist ein typisches Merkmal der Kunst der Hyperrealisten wie z. B. von Duane
Hanson. Genutzt wird dieser Maßstab aber auch in ganz anderen Bereichen:
in Jahrmärkten und Wachsfigurenkabinetten. Man kennt dieses Darstellungsverhältnis
aber auch von Substituten: von der Kunststoffpflanze, die nicht mehr gegossen
werden muss, vom Buch im Regal, das keines ist und nicht mehr gelesen
werden muss und nur für die Gäste als Statussymbol der Bildung
dienen soll. Auch Raschke nutzt diesen Imitationsmaßstab, manch
andere Dinge hat er jedoch weg gefiltert, entstanden ist dabei der Eindruck
von Unnatürlichkeit, von Kunst-Situation.
Der Betrachter wird in Raschkes Szenen immer wieder auf die zweite Dimension
zurückgeworfen: Wie bei Zeichnungen ist auch der Grund der Installation
- Hintergrund und Untergrund - in neutralem Weiß gehalten. Die Inszenierungen
bieten eine entrückte Atmosphäre: Sie sind Kunst-Raum im doppelten
Sinne. Reale Gegenstände des Ausstellungsraums wie Heizkörper
und Fenster gehen eine merkwürdige Liaison - Störung und Zusammenklang
- mit den Kunst-Objekten ein. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch
die Verwandlung der Linie aus der dreidimensionalen Gestaltung zurück
in die zweite Dimension: Raschkes Zeichnungen haben auf diese Weise mehrere
Stadien durchlaufen. Die Raumlinie wird in seinen Drawings after wieder
in die Fläche gepresst.
Mit der Emotionslosigkeit einher geht bei diesen Objekten die Präzision
und das Prinzip der Konstruktion: Sie sind gleichsam eine Reminiszenz
oder Hommage an die Ingenieure des 19. Jahrhunderts wie jenen berühmten
Erbauer des Turms für die Pariser Weltausstellung von 1889, an Gustave
Eiffel. Sie erinnern an die flüchtigen Skizzen eines Architekten,
der es versteht, mit wenigen Strichen auf der planen Fläche des Zeichenblocks
ein dreidimensionales Gebilde entstehen zu lassen. Die Gegenstände
sind in Raschkes Installationen gleichsam reduziert auf das Gerüst:
Wie beim Eiffelturm wird ihre reine Konstruktion sichtbar. Im weitesten
Sinne artikuliert sich hier aber auch das Todesthema: Dem Gegenstand fehlt
jegliches Fleisch; er ist nicht mehr greifbar, er ist gleichsam skelettiert.
Ohne Beachtung bleibt lange der inhaltliche Aspekt von Raschkes Inszenierungen:
Der Betrachter ist zunächst bemüht, sich mit dem Realitätsbezug
der Dinge und der gestalterischen Übersetzung auseinanderzusetzen.
Die Gegenstände sind von Anfang an trotz der spezifischen Abstraktion
wie selbstverständlich in ihren Einzelteilen existent; aber erst
viel später reflektiert der Betrachter die Thematik und hinterfragt
die Gesamtheit der Gegenstände. Dargestellt ist die kleinbürgerliche
Idylle: Küche und Werkstatt verweisen auf die traditionelle Rollenteilung.
In der Werkstatt des Mannes sind verschiedene Werkzeuge und Maschinen
nebeneinander aufgereiht, meist Geräte, die seit ihrer Erfindung
in den vergangenen zwei Jahrhunderten nur wenige Verwandlungen erfahren
haben: der Motor, das Schweißgerät, der Bohrständer. In
der Küche der Hausfrau liegt Kinderspielzeug auf dem Boden, auf dem
Herd kochen die Kartoffeln im Topf. Ein Sprossenfenster suggeriert Heimeligkeit
und scheint den Ausblick zu gewähren; ein obligatorischer Blumentopf
steht auf dem Fensterbrett. Gestört wird die Idylle - welch eine
Überraschung aus deutscher Sicht ! - lediglich durch einen Revolver,
der in der Tischschublade liegt. Vielleicht wäre einem Amerikaner
dieser Gegenstand noch lange kein Grund für die Störung der
Idylle, sondern eher der Garant. So gesehen könnten die Szenen von
Raschke auch den Bildern von Edward Hopper, dem großen amerikanischen
Maler, der das Leben in der ländlichen Idylle gezeigt hat, entliehen
sein.
Raschkes Sichtweise verweist vor allem auf den Verlust der Intimität:
Der Betrachter wird zum Voyeur, zum Eindringling. Vorstellungsbereiche
wie das Eindringen in Tabubereiche werden damit verknüpft. Alle Dinge
werden sichtbar, auch die in Behältern versteckten: die Dinge im
Wandschrank, die Kartoffeln im Kochtopf, das Geschirr in der Geschirrspülmaschine
und die oben erwähnte Pistole in der Küchenschublade. Wie bei
der Flughafenkontrolle kann das Innenleben durchleuchtet, offen gelegt
werden. In diesen Objekten wird deutlich, dass der Schritt zum gläsernen
Menschen in unserer Zeit nicht mehr weit scheint, denkt man auch an Fernsehsendungen,
die dies zum Thema und zum Sport machen.
In den Objekt-Installationen von Raschke ist der Betrachter Teil der Inszenierung;
er darf und muss sich darin aufhalten. Er sucht die für das Erfassen
notwendige Distanz, ohne sie jemals erreichen zu können. Er ist zur
Nähe gezwungen, er ist Gefangener - im doppelten Sinne - der Situation.
Nicht von ungefähr ist auch die Vorstellung vom Gefangensein mit
einem linearen Gitternetz verknüpft.
Im weitesten Sinne sind die linearen Metallskulpturen von Raschke damit
Käfige. Von hier aus lassen sich eine Reihe von Querverbindungen
zu Klassikern der Kunstgeschichte ziehen, die das Motiv des Käfigs
in ihren Skulpturen aufgegriffen haben. So sei beispielsweise auf den
"Palast um vier Uhr früh" aus dem Jahr 1932 von Alberto
Giacometti oder an den Zirkus von Alexander Calder verwiesen. Erwähnt
seien in diesem Zusammenhang außerdem die Gitterköpfe von Hans
Uhlmann aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, oder auch die bereits
erwähnten beweglichen Drahtskulpturen von Harry Kramer aus den 50er
Jahren.
Zurück zur dargestellten Idylle: In diesem Zusammenhang darf noch
einmal auf die Herkunft des Künstlers verwiesen werden. Raschke ist
in einer schwäbischen Kleinstadt aufgewachsen, ist dort in die väterliche
Werkstatt - wie übrigens einst auch Julio Gonzalez - eingetreten,
um sich für die Nachfolge vorzubereiten. Dem Schwaben wurde es in
der Kleinstadt zu eng, er wanderte aus nach Berlin, wo eine Vielzahl anderer
schwäbischer Emigranten lebt. Wenn es ihm auch dort einmal zu eng
werden sollte, wird er wohl noch einmal auswandern - vermutlich nach Amerika.
Und was erwartet ihn dort? Wohl die gleiche kleinbürgerliche Idylle
wie einst in Schwaben. Nur mit einem Revolver in der Küchentischschublade.
NIKOLAI B. FORSTBAUER
Am Anfang war die Linie -
vielleicht zumindest und doch von solcher Unbedingtheit, dass sie Kraft
genug hatte, Flächen zu formulieren, Körper, Figurationen. Daraus
hätte sich manches machen lassen, ein eigenes Formenvokabular auf
jeden Fall, Schritte zumindest, die wir mit Entgrenzung und anderen impliziten
Anforderungen an das Kunstmachen verbinden.
Was aber macht Thomas Raschke? "Irgendwie gibt er mir die Dinge zurück",
sagt Sebastian Rogler, Kunstweggefährte seit langem. Die Dinge sind
jene, die uns so selbstverständlich geworden sind, dass wir ihre
Gestalt nur mehr peripher zur Kenntnis nehmen, von denen der Begriff reicht,
um eine ganze Gestaltpalette abrufen zu können. Nun könnte es
losgehen, hinaus zur Gestaltpsychologie, zur Frage, weshalb wir zwei Ovale
als Teller identifizieren etwa, hinüber auch zur Diskussion, wie
sich wohl im Raum etwas aus Linien entwickeln läßt, das kein
Volumen hat, hin schliesslich zur Frage, welche Annäherungsformen
wir möglicherweise brauchen (und welche Rolle dabei die Kunst spielen
kann oder muss), um die aktuelle Dingwelt des Westens in ihrer unübersehbaren
Menge und widersprüchlich gleichförmigen Vielfalt geistig und
körperlich begreifen und ordnen zu können.
Am Anfang war die Linie - und tarnte sich in der Fläche, im Körperhaften,
in der Figuration. Denn zunächst ging es ihm ja um die Frage der
äußeren Kanten eines Dings - "die hatten noch keine Innereien",
wie er sagt. Perfektion im Detail ist verführerisch, zahllose Kreuzungspunkte
gaben bald der Fläche Halt - ein Mass an Verbeugung vor dem Ding,
dem Raschke heute mit der Überzeugung antwortet, dass der Ansatz
reichen muss. In seinen eigenen Worten "So wenig Linie wie möglich."
Das hindert Raschke nicht daran, der Linie buchstäblich auf den Grund
zu gehen: Netzstrukturen animierter Bilder, wire frames, werden in Videostills
selbst zum bildnerischen Ereignis.
Wie aber entstehen nun Raschkes Dinge, die wir Werkbank oder Bohrmaschine
nennen?
Wer sich in einer Werkstatt umsieht, findet garantiert auch ein Stück
Draht, körperhafte Linie mithin, mit der man bei entsprechender Übung
im Raum zeichnen kann. Gelöteter Eisendraht hält die Teile eines
Ganzen zusammen, das weiter wachsen soll. Mehr noch aber: Der Zeichner
Raschke sieht die Werke des Plastikers Raschke. "Ich nehme die Masse
vom Original ab", sagt er, "baue", "fotografiere",
"zeichne dann 1:1". Der Raum sinkt in die Fläche zurück
und provoziert doch nur neue Raumträume. Verändert sich das
Bauen, verändert sich alles.
"Irgendwie gibt er mir die Dinge zurück" - das impliziert
ein Innehalten, ein Sich-des eigentlich-Bekannten-Vergewissern, ein Bestätigen
dessen, was ist, dessen auch, was diese Dinge eigentlich ausmacht, wie
sie beschaffen sind, wie sie gemacht sind. Allerlei ist so in der Werkstatt
zu entdecken, das fast schon symbolhafte Röhrenradio natürlich,
eine Werkbank auch, Bohrmaschinen und vieles mehr. Löten, Schleifen,
Schneiden - alles ist möglich in der Werkstatt, gedanklich zumindest,
und vor aller Diskussion solchen Handelns als künstlerischer Äußerung
sind die Grenzen zwischen Skulptur, Installation und dem von Raschke intendierten
"Zeichnen im Raum" aufgehoben.
Der Mann der Linie, auch das ist klar, muss zudem den direkten Weg meiden,
umkreist die Dinge, um die es geht, nähert sich vorsichtig auf dem
Weg zu einer bezwingenden Dinglichkeit. Einige von Raschkes Drahtarbeiten
waren in den letzten Jahren bereits in Ausstellungen der Künstlerformation
Das Deutsche Handwerk in Stuttgart und Berlin zu sehen. Nur allzu verständlich,
dass einer, der dem Deutschen Handwerk Kunst abringt, auf die Werkstatt
nicht verzichten mag. So hat er letzten September seine Berliner Werkstatt
einfach mitgebracht in die Stuttgarter Galerie Rainer Wehr. Bei der dortigen
Installation ruhte im ersten Raum, die Szene beherrschend, der Staubsauger
des Galeristen, auch er erwachsen aus gelötetem Draht. Der Staubsauger
- ein Haustier? Eher schon eine Zeichnung, die sich gebaut hat.
Stephan Berg
aus: "In der Beziehungskiste"
In eine ähnliche Kerbe schlagen “Das deutsche Handwerk”,
die zusammen mit “Coppa & Sordes” und “superart.tv”
Alltagskunst, Absurditäten, Kunstgeschichte und das bunte Rauschen
der Medienwelt zu einer Attacke auf lineare Lesbarkeit und trockene Spartendisziplin
verbinden. Gemeinsam ist allen Drei der ironisch-ambivalente Umgang mit
sich selbst. Unter der Signatur ihrer Gruppennamen, die wie Labels funktionieren,
entfalten sie ein reizvolles Spiel mit der Simulation von Identität
und Original, aus dem gleichzeitig eine Art mikrokosmisches Abbild des
Kunstbetriebs entsteht. Und freuen darf man sich auch über die “Filderbahnfreunde
Möhringen”, die den Bildhauer Micha Ullmann in einen Dialog
mit dem fiktiven Künstler Friedrich Fuhrmann eintreten lassen, der
sich selbst wiederum als Wiedergänger des vom “Deutschen Handwerks”
geschaffenen Frieder Rusman erweist. Das ist nun wirklich die hohe Kunst
der virtuellen Bezugsnahme. Erst im Künstler, den es nicht gibt,
findet Traditionswahrung und eigene künstlerische Identität
der Gruppe ihren Fluchtpunkt. Und die “Mimesis des Provinziellen”,
die man mit dem kleintierzüchtertauglichen Gruppennamen anvisiert,
taugt wunderbar, um unserereits zu bekennen, dass der Südwesten Deutschlands
mir künstlerisch dort immer am produktivsten erscheint, wo er sich
unter dem Kehrwochen-Mief eines Provinzbegriffs tarnt, hinter dessen scheinbarer
verschlafener Gemütlichkeit in Wahrheit blitzende, selbstironische
Schlagfertigkeit steckt.
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